MALEREI
Es trifft nicht immer zu, dass das neue Jahrhundert, besonders
was die Malerei angeht jegliche Verbindung mit dem 19. Jahrhundert
abgebrochen habe. Die Romantik, die in vielen Ländern
schon längst verschmäht und vergessen war, hat fern
der kulturellen Zentren überlebt als ob nichts geschehen
sei. Die künstlerische Revolution, und mit dieser die
Avantgardes des Frühen 20. Jahrhunderts ist nicht bis
nach Südtirol vorgedrungen. Immer noch beherrschen die
Schüler Franz Defreggers die Kunstszene. Die Neuigkeiten
der Münchner Secession werden argwöhnisch betrachtet.
Das schreckt die jungen Künstler die in München oder
Wien studieren aber nicht davon ab sich damit auseinander zu
setzen. Unter ihnen stechen Eduard Thöny aus Brixen, Leo
Putz aus Meran und die Gebrüder Stolz aus Bozen, auf die
wir gleich wieder zu sprechen kommen werden, hervor zu denen
sich nach und nach Künstler von jenseits der Berge gesellen
die Südtirol zu ihrer Wahlheimat machen. 1911 macht sich
BRUNO GOLDSCHMITT an die Wandmalerei die in den Räumen
des Parkhotels Laurin die Laurinsage erzählt. Die Episoden
sind wie Szenen eines Theaterstücks dargestellt: die Zerstörung
des Rosengartens, die Ankunft zu Pferd des Königs Laurin,
das Duell mit Dietrich und andere Wechselfälle von Sieg
und Niederlage. Es handelt sich um großzügig angelegtes
Werk das besonders auf die grotesken und karikaturistischen
Seiten der Helden dieses Epos unterstreicht.
Folgende Künstler sind in den ersten Jahren des Jahrhunderts
besonders aktiv: Albin Egger-Lienz, über den wir schon im
Rahmen der Kunst des 19. Jahrhunderts gesprochen haben, Alexander
Koester, Eduard Thöny, die Gebrüder Stolz, Leo Putz,
Carl Moser, Weber-Tyrol, Josef Keim, Max Sparer, Oskar Wiedenhofer,
Anton e May Hofer, Ulderico Giovacchini, Christian Hess, Lao Sebastian
Humer und einige andere.
ALEXANDER
KOESTER – der Wahlsüdtiroler wurde 1864 im Rheinland
geboren. Er studiert zuerst Pharmazie, wechselt dann aber zur Kunst
(besucht zwischen 1885 und 1890 die Akademie der Bildenden Künste
in Baden). Mit zweiunddreißig Jahren zieht er nach Klausen.
Zwei Jahre später heiratet er ein Wirtstochter. Das Städtchen
fasziniert ihn und er scheint die künstlerischen Geister die
ihm in Klausen vorausgegangen (Dürer und andere) sind heraufzubeschwören.
Bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges zieht er nach zuerst nach München
und dann an den Ammersee.
Zahlreiche Werke die während seiner Zeit in Südtirol
entstanden sind zeugen von der Naturverbundenheit Koesters. In
Klausen widmete er sich hingebungsvoll der Malerei „en plein
air“, wie es für einen Impressionisten üblich war.
Koester führt uns in eine reine, unberührte Welt, seine
Lieblingsmotive sind Tümpel, Bäume und Enten. Er malt
aber auch Alltagsszenen, wie jenes Gemälde von 1895 („ein
lustiges Büchlein“), das an die Malerei Defreggers inspiriert
ist. Man sieht ein Mädchen, das beim Lesen ertappt wurde das
Bild vermittelt uns die Ruhe und Vertrautheit der ländlichen
Welt. Die Einfachheit der bildlichen Sprache Koesters entfaltet
sich in der Poesie der augenscheinlichen Naivität, in der
berückten Notiz der einfachen Dinge des Lebens. Unvergesslich
ist jenes Bild in dem er Birken am sonnigen Wegesrand festgehalten
hat. Die Farben scheinen im Frühlingserwachen zu vibrieren.
Die
Biographen des Künstlers erzählen wie er zu seinem Lieblingsmotiv,
den Enten, gekommen ist: beim Gasthof „Lamm“ in Klausen
gab es einen Teich in dem Enten für den Verzehr gezüchtet.
Viele der Gäste des Gasthauses waren damals Künstler,
die in den Enten das Sinnbild für die längst verlorene
Freiheit des Menschen sahen.
Das markanteste Merkmal dieses Künstler ist aber seine Liebe
zum Detail: er kann sich in augenscheinlich unbedeutende Details
der Natur verlieren. Aus seinen Naturbildern wird seine ganze Liebe
zu dieser, die sich in der Farbenvielfalt und im Spiel von Licht
und Schatten entfaltet offensichtlich.
Alexander Koester stirbt am 21. Dezember 1932 in München.
EDUARD
THÖNY – wird im Jahre 1866 als Sohn eines Bildhauers
in Brixen geboren. Seine Familie zieht dann nach München,
wo er zuerst die Zeichenschule Gräf und später die Akademie
der schönen Künste besucht, an der Franz Defegger und
Gabriel von Hackl unterrichten. 1894 beginnt seine Mitarbeit bei
den Zeitschriften „Berliner Modewelt“ und „Münchner
humoristische Blätter“, gleichzeitig unternimmt Thöny
Reisen nach Paris und London. Zwei Jahre später beginnt mit
der Zusammenarbeit bei der Satirezeitschrift „Simplicissimus“,
die von Albert Langens in München herausgegeben wurde und
die vor allem Gesellschaftsthemen mit beißendem Witz thematisiert.
1908 zieht er nach Holzhausen, das er bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges
wieder verlässt, in Gallizien und Tirol Kriegsszenen festzuhalten.
Als begnadeter Zeichner mit ironischem Temperament kreiert er Vignetten
mit einer ordentlichen Portion Wahrheit. Er führt seine Kollaboration
mit dem „Simplicissimus“ auch während der Kriegsjahre
und bis zu seinem Tod, der ihn 1950 in Holzhausen ereilt, weiter.
Thöny wurden zahlreiche Ausstellungen gewidmet: 1960 bei der
Münchner Künstlervereinigung in München; 1966 in
der Domenikanergalerie in Bozen; 1973 in Wien und in Innsbruck
im Rahmen der Retrospektive „Malerei und Graphik in Tirol
1900-1940“.
LEO
PUTZ – 1869 in Meran geboren, wird er schon als Jugendlicher
ein Schüler Pötzelbergers, der ihn in die Zeichenkunst
einführt. Mit 19 begibt er sich nach München und besucht
dort die Königliche Akademie. 1891 macht er sich nach Paris
auf, wo er in die renommierte Akademie "Julian" geht,
die vor allem für ihre Strenge bekannt war. Später hält
er sich auch für kurze Zeit in London auf, kehrt aber bald
nach München zurück, da er in der Gruppe der Münchner
Secession aufgenommen wird.
In der Zeit zwischen 1909 und der Ersten Nachkriegszeit hält
sich Putz vor allem im Oberbayern auf, wo er viele Monate im Jahr
mit Malerei „en plein air“ verbringt. In dieser Zeit
heiratet er Frieda, ebenfalls eine Kunstschaffende, der er Portraits
mit vibrierenden, pastösen Farben widmet. In dieser Zeit malt
er vor allem die stimmungsvollen Seenlandschaften dieses Gebietes.
1929
unternimmt er eine lange Reise nach Brasilien und Argentinien,
wo er bis 1932 lebt und arbeitet. Das Jahr darauf kehrt er nach
Europa zurück und bleibt einige Zeit in München. Erst
1936 beschließt er seinem Umherstreifen ein Ende zu bereiten
und in seine Heimatstadt zurückzukehren. Er ist jetzt 67 Jahre
alt und es bleiben ihm noch vier Jahre zu leben.
Zweifellos hat Leo Putz zeitlebens einen bestimmten Bekanntheitsgrad
genossen, vor allem im München der ersten 30 Jahre des 20.
Jahrhunderts. Aufgrund seines Einflusses in die örtliche Kunstszene,
nimmt er an der Gründung der Künstlervereinigung „Scholle“ teil,
die auch außerhalb Bayerns einen starken Widerhall findet.
Leo Putz erweist sich als kraftvoller und leidenschaftlicher Kolorist.
Putz‘ intensive
künstlerische Tätigkeit wurde von seiner künstlerischen
Offenheit und Freiheit genährt die ihn von Aktzeichnungen über „plein
air“-Malerei zur einer gefälligen, spätimpressionistischer
Genremalerei geführt hat. Unübertroffen sind seine Bilder
von jungen Mädchen die im Sonnenschein in Posen voller Vitalität
und Spontaneität festgehalten wurden. Sie zeugen von seinem
gekonnten Umgang mit dem Pinsel und jener Farben die im warmen
Licht der Tropen zu leuchten beginnen.
IGNAZ STOLZ junior – wurde am 20. April 1868 in Bozen geboren,
wird er von seinem Vater in die Zeichen- und Malkunst eingeleitet.
In jungen Jahren geht er nach Innsbruck, wo er eine Lehre zum Dekorateur
macht. Später geht er nach München, um sein Handwerk
bei Reutte Schmiot und Karl Krupp zu perfektionieren. Nach diesen
Erfahrungen lässt er sich für fünf Jahre in Wien
nieder, wo er unter anderem Bilder auf Möbel malt.
Mit 38 kehrt er endgültig nach Bozen zurück. Hier widmet
er sich dem Malen von Fresken und von Portraits der Herren der
besseren Gesellschaft und der Verwirklichung von Zeichnungen und
Stichen die sich durch ihre Entschlossenheit und Eindringlichkeit
hervorheben. Er hat sich auch viel mit Genre- und Landschaftsmalerei
und historischen Stoffen beschäftigt. Wir weisen auf zwei
Bilder Stolz‘ hin, die im städtischen Museum Bozen ausgestellt
sind. Das erste ist das Portrait eines schnauzbärtigen Mannes.
Sein Hochmut wird durch eine akkurate psychische Analyse dargestellt.
Gleichermaße erhoben ist das treffende Selbstporträt, welches sich
im selben Museum befindet.
Er stirbt 1953 in Lana.
RUDOLF STOLZ – wird am 8. Mai 1874 in Bozen geboren. Nachdem
er mit seinem Vater gearbeitet hat, geht er 1896 nach München,
um im Atelier von Walter Thor Malerei zu studieren.
Im selben Jahr kommt auch Wassilij Kandinsky nach München,
wo er die Kunstschule Azbé besuchen wird. Zehn Jahre später
arbeitet Rudolf Stolz bei Herm Hoffmann in Berlin. Er beschäftigt
sich vor allem mit der religiösen Stoffen in Fresken und ignoriert
die neuen Regungen in der Kunstwelt. 1910 werden in Berlin erstmals
die Zeitschriften „Der Sturm“ und „Aktion“ herausgegeben,
während eine Künstlergruppe den Weg für eine „Neue
Secession“
Vierzigjährig nach Bozen zurückgekehrt, lernt er Theresa
Mayer, ein junge Kellnerin die im Kaffee Wachtler am Bozner Domplatz
in Bozen arbeitete, kennen und ehelicht sie sechs Monate später.
Während des Zweiten Weltkriegs zieht um den Bombardements
zu entfliehen nach Sexten, wo er 15 Jahre lang bleiben wird. Seine
krebskranke Frau, lässt er in Bozen zurück, wo sie kurz
darauf stirbt. Die Gemeinde Sexten wird dem Künstler ein ganzes
Museum widmen, in dem 162 Werke, von Kohlezeichnungen über
Temperamalerei zu Aquarellen, ausgestellt sind.
Unter den Arbeiten des Malers nennen wir die Fresken im Hotel Mondschein
(1918-1920), die Fresken am Ammon-Haus (1930), beide Gebäude
befinden sich in Bozen. „Der Totentanz“ (1923) des
Friedhofs von Sexten, „Hochzeit in Kastelruth“, heute
im Besitz des Weinmuseums in Kaltern. Rudolf Stolz stirbt im Alter
von 86 Jahren in Sexten.
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