Guten Tag Herr Messner, wir möchten Ihnen gerne einige Fragen
zum Thema Energie stellen. Sie haben so oft zu Angelegenheiten unseres
Landes Stellung genommen und haben sich zu einem so dringenden Aspekt
unserer Gegenwart etwas zu sagen haben
1. Wie betrachten Sie aus der Sicht eines
ehemaligen Europaparlamentariers die Energiepolitik Südtirols?
Südtirol ist sicher in der Diskussion um die Lösung der Energieproblematik
weiter fortgeschritten als viele größere politischen Konglomerationen,
sprich die Staaten der EU. Generell gilt nämlich, desto größer
das Konglomerat, desto langsamer reagiert die Politik weil es in der
Demokratie natürlich auch eine Grenze hat. Die Autonome Provinz
Bozen-Südtirol, hat noch keine eindeutige Lösung gefunden
also besteht noch kein klares Konzept. Aber wir besitzen die Voraussetzungen
für die Lösung, weil wir so gut wie nur über erneuerbare
Energiequellen verfügen. Wir haben weder Öl noch Kohle und
trotzdem hat Südtirol ein großes Potential im Energieexport.
Wir werden in den nächsten 20 Jahren, neben dem Tourismus, vom
Energieexport leben müssen oder untergehen.
Ich bin der Meinung das die Energiepolitik, die bei uns angepackt worden ist,
ein gutes Zeichen ist. Es ist gut, dass man sich so intensiv damit auseinandersetzt
und mich freut es dass das Land den Mut hat zu sagen “wir müssen das
selber in die Hand nehmen”. Das ist sehr wichtig. Dieses Thema ist nicht
nur eine Angelegenheit der nächsten Legislaturperiode, sondern eine der
Schlüsselfragen der Zukunft. Wir werden zukünftig weltweit immer mehr
Energiekriege erleben. Was gerade im Iran passiert ist, ist ein Vorgeschmack
davon. Es hat zwar noch keinen Krieg gegeben aber wir sind ziemlich nahe dran
gewesen. Die Iraner bauen die Atombombe weil sie genau wissen, dass sie mit der
Energie so viel Macht haben, dass sie sie baue dürfen. Dann käme die
Auseinandersetzung mit Israel und später mit Europa, weil diese Waffen auch
uns erreichen könnten.
Noch brenzliger würde es sein, wenn die Chinesen über Jahrzehnte das
gesamte Öl und Gas im Voraus zu blockieren würden. Sie können
es nämlich bezahlen, während die Amerikaner es nicht mehr bezahlen
können. Wenn sie weiterhin so erfolgreich bleiben, dann können sie
das durchaus tun und uns einfach sagen „mal sehen wo dann eure Industrie
bleibt“. Wenn wir nicht fähig sind alternative Energiequellen zu finden
und zu entwickeln, dann bleiben wir hinten dran.
2. Welchen dieser Energiequellen
muten sie die größten Zukunftschancen
zu? Solarenergie, Wasserkraft, Windenergie… es ist alles machbar,
nur sollten wir bei letzterer unbedingt von den Fehlern der Deutschen
lernen. Die haben sich beispielsweise das Allgäu mit ihren Windrädern
ruiniert. Ich würde die Windkraftwerke bei uns in der Talsohle errichten,
da gibt es Fallwinde, Thermiken und Beschleunigungen in den Talengen.
Daher meine ich, dass der Leitner bei uns vernünftig gebaut hat.
Man müsste man logischerweise bedenken, dass man den Wind nicht
immer zum selben Zeitpunkt hat in dem man den Strom braucht. Deswegen
sollten diese Windräder stets mit kleinen Staubecken verbunden sein,
und zwar relativ kleine Becken, die man in wenigen Tagen füllen
kann wenn die Windenergie im Überschuss zum Stromverbrauch liegt.
Entsprechend erfolgreiche Technik hat man z.T. noch nicht erfunden. Es
mag stimmen dass man keine weiteren Staubecken haben will, aber wenn
wir uns wirklich vom Erdöl oder anderen nicht erneuerbaren Energiequellen
unabhängig machen wollen, wie z.B. die Atomenergie, dann müssen
wir alles auf Alternativen setzen. Große Unternehmen wie Leitner
verfügen sicher über die Forschungsmöglichkeiten nach
neuen Lösungen, vorausgesetzt sie dürfen. Südtirol verfügt
ganz bestimmt über das notwendige Potential alternativer Energiequellen.
3. Viele Südtiroler Energieexperten
heißen einen Übergang
der im Lande bestehenden Wasserkraftwerke in die Hände lokaler Körperschaften
oder der Landesverwaltung willkommen. Wie lautet Ihre Meinung zu dieser
Möglichkeit?
In diesem Zusammenhang wäre es sicher ein großer Erfolg, wenn
das Land die Elektrizitätswerke in Südtirol übernimmt,
aber nur unter der Bedingung, dass diese auch privatisiert werden. Das
Land darf sie nicht alleine führen und betreiben. Das ganze gehört
im Grunde genommen viel mehr in die Hand der Unternehmer als in jene
der öffentlichen Verwaltung. Nur am Begin ist niemand bereit zu
investieren weil man das Risiko nicht eingehen will, darum muss das Land
dafür aufkommen aber später muss es „Volksaktien“ geben,
also ein Weg um die Kraftwerke den Bürgern zu übergeben. Wir
haben aber auch die Möglichkeit mit erneuerbaren Energiequellen
wie Holz zu arbeiten, wir können eigenes Benzin aus Raps herzustellen,
wie in Deutschland z.T. bereits der Fall ist. Wir haben v.a. die Möglichkeit
die Wasserkraft sowohl im kleinen als im großen Rahmen besser zu
nützen und wir können die Windkraft vernünftiger nützen
als anderswo. Beispielsweise wir haben Tallagen in denen konstante und
regelmäßige Fallwinde und Thermiken gegeben sind. Auf jeden
Fall warne ich davor die Berge zu „verwindradeln“, d.h. wir
dürfen nicht unsere Landschaft dafür hergeben. Das Windkraftwerk
am Reschenpass ist ein positives Beispiel, es fügt sich gut in die
Landschaft, eine Ergänzung, fast wie ein Kunstwerk. Wenn der Wind
weht könnten wir mit dem daraus gewonnenen Strom das Wasser in die
Stauseen pumpen, um daraus wieder Strom zu gewinnen und diesen gut in
Europa verkaufen.
4. Als Bergsteiger und
Expeditionsleiter haben Sie sicher oft in entlegenen und unzugänglichen
Gebieten mit Energie wirtschaften müssen. Erzählen Sie
uns was davon. Die Kunst meines Unterwegseins ist mit einem Minimum an Energie
auszukommen. Ich bin ein Fußgänger, dabei zirkuliert das Blut
und man muss natürlich was essen, in der Antarktis beispielsweise
haben wir im Schnitt 6000 kcal pro Tag und Kopf verbraucht, das ist sehr
viel (im Schnitt braucht ein Erwachsener zwischen 1.300 und 2000 kcal pro
Tag). Wir haben unseren Verbrauch an mitgeführter Energie am Nordpol
heruntergeschraubt auf 1/8 Liter Benzin pro Tag und Kopf, um zu überleben
um möglichst wenig Gewicht mitzuschleppen. In der Gobiwüste habe
ich überhaupt keine Energie mitgetragen. Wir haben nur gelegentlich
von den Nomaden Wurzeln oder Yakmist abgenommen bzw. gekauft, welches sie
zum Erwärmen ihrer Speisen verwenden. Ziel wäre es den Energieverbrauch
fast auf Null zu reduzieren, aber das kann ich daheim natürlich auch
nicht, ich habe ein Auto, das leider auch noch viel verbraucht, ich habe
Strom, ich habe einige kleinen Unternehmen die alle Energie verbrauchen.
Ich bin also auf Energie angewiesen und die große Herausforderung
für die Menschheit wird in den nächsten Jahrzehnte bestimmt nicht
so sehr die Nahrung auf dieser Erde, sondern die Energieversorgung und
wahrscheinlich die Wasserversorgung sein. Hier sind wir Südtiroler
wieder privilegiert, weil wir dank der Berge Wasser haben. Auch falls die
Gletscher alle schmelzen sollten, werden wir mit Wasser zwar sparsamer
umgehen müssen aber die Versorgung dürfte dennoch ausreichen
und wir haben Energie und zwar alles nur erneuerbare Energie. Es gibt keine
sauberere Energie als die des Wassers das den Berg hinunterfließt
und die der Sonne. Wasserkraft ist sogar sauberer als Sonnenenergie. Mit
Sonnenkollektoren kann man natürlich auch arbeiten aber ausschlaggebender
ist die passive Sonnennutzung durch entsprechende Architektur und Landschaftsplanung
in unseren Tälern. Wir müssen unsere Häuser zunehmend auf
sonnenausgerichteten Hängen bauen. Das ist klarerweise eine Aufgabe
für das Jahrhundert und früher oder später müssen wir
damit anfangen. Wir müssen beispielsweise die Dörfer des Etschtales
auf die Hänge verlagern. Es geht ja im Grunde genommen lediglich um
Neuverlegung von Wasser- und Stromleitungen und entsprechender Baugenehmigungen,
d.h. man sollte in Zukunft nur in sonnenexponierten Hanglagen bauen dürfen.
Natürlich würden sich viele mal wieder über solche Aussagen
aufregen, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass man mir in hundert Jahren
Recht geben wird.
5. Jedes Wesen ist auf der steten Suche
nach Energie, um in dieser Welt zurechtzukommen. Wer gut durchtrainiert
ist kann leichter mit dieser inneren Energie umgehen und darüber verfügen. Welcher Zusammenhang
besteht aus Ihrer Sicht zwischen physischer, körperlicher Energie
einerseits und geistig, spiritueller Energie anderseits?
Ich würde zwischen geistiger und physikalischer Energie unterscheiden. Geistige
Energie ist zweifelsohne vorhanden und die Visionen und Wirkungen der großen
Religionsstifter sind ein Beweis dafür. In Südtirol haben wir bestimmt
ausreichend geistige Energie, aber ein Wettbewerb der Ideen findet bei uns trotzdem
nicht statt, weil Menschen mit Zivilcourage bei uns noch abgegrenzt werden. Das
ist sicher der Tod der geistigen Energie.
6. Meinen Sie dass das auf
das provinzielle Umfeld zurückzuführen ist?
Das provinzielle Umfeld ist heute eigentlich ein Vorteil weil wir dadurch ein
starkes provinzielles Selbstbewusstsein haben und uns besser in einer globalisierten
Marktwirtschaft positionieren können, aber das gilt nur wenn wir auch die
Kreativität ausbrechen lassen. Wenn diese unterdrückt wird, sei es
von der Monopol-Presse, sei es von einer Einheitspartei, dann wird es zum Hindernis.
Eine Einheitspartei ist immer ein Hindernis für die Demokratie, weil der
Wettbewerb der Ideen nicht mehr stattfindet. Diesbezüglich liegen wir nicht
gerade in einer günstigen Lage für die geistige Energie im Lande…
Herr Messner, wir bedanken uns für dieses Gespräch...