Testatina

Interview mit Georg Wunderer


Herr Wunderer, durch die Verwirklichung des Prader Energiekonzepts kann man Sie mit Recht als einen Südtiroler „Initiator der jüngsten Sie Energierevolution“ bezeichnen. Prad am Stilfserjoch ist eine der wenigen Gemeinden, die im Hinblick auf den Energiekonsum autark sind.
1. Können Sie uns kurz erklären was Prad zum Erfolg geführt hat und dieses Ziel erreicht werden konnte?
Aufgrund der abseitigen Lage der Gemeinde Prad im Oberen Vinschgau und einer sozioökonomischen Situation, die sich schon seit Jahrhunderten alles andere als rosig und begehrenswert präsentierte, hat bei kaum jemand die Begierde aufkommen lassen, mit Prad große Geschäfte zu machen. So hat die Bevölkerung von Prad im Kampf um die Existenz und das tägliche Brot lernen müssen, sich in allen Bereichen mehr oder weniger auf eigene Füße zu stellen. So war es auch mit der Energieversorgung. Kein auswärtiges Unternehmen hatte jemals großes Interesse gezeigt, in Prad in diesem Bereich eine entsprechende Versorgung aufzubauen. Da haben nach dem 1. Weltkrieg, als die Not im Dorf einen neuen Höhepunkt erreicht hatte, schließlich ein
paar mutige Männer zur Selbsthilfe gegriffen und einen für die damalige Situation äußerst innovativen und weitblickenden Weg beschritten, sich selbst den Strom zu erzeugen und ein kleines Wasserkraftwerk zu errichten, um damit dem Dorf nicht nur
das Licht zu bringen, sondern ihm wohl auch eine neue erspektive zu geben. Mit dem kleinen Wasserkraftwerk am Tschrinbach, das rund 80 kW leistete, konnte Prad bis in die Mitte der fünfziger Jahre mit Strom versorgt werden. Inzwischen hatten sich die Lebensverhältnisse in Prad etwas verbessert und auch eine leichte
wirtschaftliche Entwicklung eingesetzt. Da der Fortschritt nun einmal unzertrennlich mit der Sicherstellung des entsprechenden Energiebedarfes verbunden ist, wurde zusehends deutlicher, daß mit dem kleinen Wasserkraftwerk der wachsende Strombedarf nicht mehr zu decken war, weshalb man sich um neue Energiequellen umsehen musste. Im Jahr 1962 kam es in Italien zu einer Revolution im Energieversorgungssystem. Die italienische Politik war davon überzeugt, dass der wachsende Energiebedarf nur mit einem zentralistischen staatlichen System zu gewährleisten sei und übertrug so im Rahmen der Verstaatlichung der Stromversorgung die existierenden Anlagen und Versorgungsinfrastrukturen dem staatlichen Unternehmen, welches den Namen ENEL erhielt. Dabei wurde dem ENEL per Gesetz das ausschließliche Recht übertragen, in Italien die stromwirtschaftlichen Tätigkeiten auszuüben. Auch in Prad war nun damit zu rechnen, dass der staatliche Stromversorger auf den Plan treten und die Zügel in diesem Bereich fest in die Hand
nehmen würde. Es war wohl wiederum die wenig appetitliche Energieperspektive von Prad , die dem stattlichen Koloss nicht schmackhaft genug erschien. So blieb alles wie gehabt und Prad war neuerdings gezwungen, sich selbst um die Energieversorgung zu kümmern. Heute darf man vielleicht sagen Gott sei Dank!
Hätte das ENEL damals zugegriffen, so wäre in Prad, was die Energieversorgung betrifft, heute vieles anders. Man wäre, wie viele andere Dörfer und Siedlungen in Italien von einer externen Versorgung abhängig, die sich zunehmend unsicherer wird und
sich in verschiedenerlei Hinsicht als sehr problematisch erweist. Heute verfügt Prad über kleinere Wasserkraftwerke, ist an Windkraftanlagen beteiligt, setzt örtlich hergestelltes Biogas, Hackgut und Bioöle, womit der Energiebedarf des Dorfes bezüglich Strom und Wärme mehr oder weniger vollständig gedeckt werden kann. Vor allem haben die Prader im Laufe der Jahre gelernt und sich die Kompetenzen angeeignet, wie man eine Energieversorgung überhaupt eigenständig aufbauen
kann, wie man die lokalen Ressourcen aus nachhaltigen und emeuerbaren Energiequellen erschließen und effizient für die Energieversorgung einsetzen kann. Eine Hauptursache, warum wir heute in einer Energiekrise stecken, ist meiner Meinung
nach vor allem auf die Tatsache zurückzufahren, dass die Menschen in den Dörfern und Städten sich bei der Energieversorgung zunehmend auf die Versorgung von auswärts verlassen haben. Damit haben sie zunächst einmal verlernt, wie man das selbst machen kann und damit die Eigenständigkeit, die Mitsprache bei der Wahl des Energiesystems und nicht zuletzt auch die Möglichkeiten einer lokalen Wertschöpfung im Energiebereich weitgehend verspielt. Zudem haben sie die Entwicklung hin zu dem heute weit verbreiteten zentralistischen Energieversorgungssystem begünstigt, in dem eine Oligarchie von Großkonzemen die Energieversorgung ohne direkte Mitsprache
der konsumierenden Menschen bestimmt.

2. Wie viel Energie wird in (Südtirol) Prad erzeugt und wie viel wird lokal verbraucht (wie viel wird importiert bzw. exportiert)?
Der Strombedarf von Prad beträgt heute rund 11.000.000 kWh. und der Wärmebedarf, der über das Fernwärmenetz den Gebäuden zugeführt wird, rund 10.500.000 kWh. Der Strom wird in Prad mit 4 kleinen Wasserkraftwerken, mit 4 KVK-Anlagen, welche Biogas und Bioöle als Brennstoff einsetzen, sowie mit 2 Windkraftanlagen
hergestellt. Die Stromproduktion liegt bei 20.000.000 kWh im Jahr. Die Wärine liefern 2 Hackgutöfen, 4 KWK- Module sowie 2 Wärmepumpen, welche die Strahlungswänne der KWK- Anlagen nutzen. Sowohl die angeführten Kraftwerke als auch die Strom- und Wärmenetze, mit denen die Energien den Abnehmem von Prad übertragen werden, befinden sich in der Hand einer lokalen Genossenschaft, an der praktisch die Abnehmerschaft des Dorfes mit über 90% beteiligt ist und damit auch direkt die lokale Energieversorgung des Ortes mitbestimmt. Dass die eigenständige
Energieversorgung von den Pradern auch besonders gelebt wird und auch eine nachhaltige Identifikation mit ihrem Energieversorgungsunternehmen besteht, beweist die Tatsache, dass die Vollversammlung der Energie - Genossenschaft einen
besonderen Stellenwert im Ablauf der gesellschaftlichen Ereignissen im Dorf einnimmt.
Siehe: www.e-werk-prad.it

3. Nur wenn Energie knapp wird, werden wir uns bewusst wie sehr wir von ihr abhängen. Man hat das Gefühl als wäre sie einfach jederzeit verfügbar und bei jedem Schalterdruck parat. Wie erfolgt eigentlich die Energiegewinnung in Südtirol?
Es ist auch mein Eindruck, dass die Energieversorgung für die meisten Menschen erst zu einem Thema wird, wenn die Energiepreise derart steigen, dass der Geldbeutel arg
darunter leidet, und vor allem erst dann als Problem gespürt wird, wenn das Licht ausgeht und die Energien plötzlich nicht mehr in ausreichender Menge zur Verfügung stehen. Es haben sich in den letzten Jahren sicherlich nicht wenige Menschen insbesondere zum Thema über Gefahren für die Gesundheit und das Klima, welche
von den Abgasen insbesondere bei der Verbrennung fossiler Energiequellen ausgehen, zu Wort gemeldet und besorgt gezeigt.. Dass Thema der Verfügbarkeit der Energieressourcen, der Versorgungssicherheit und wie eine umweltfreundliche Energieversorgung in Zukunft gewährleistet werden kann, wurde von einem Großteil der Bevölkerung gar nicht so ernst genommen bzw. wohl bevrusst oder unbewusst verdrängt.. Vor allem muss man, wenn man gewisse Kommentare hier in unserem Lande bezüglich der Notwendigkeit des Aufbaues einer möglichst eigenständigen Energieversorgung hört, man den Eindruck gewinnen, dass diesbezüglich für viele noch immer nicht die Notwendigkeit eines mehr oder weniger akuten Handlungsbedarfes bestünde. Man scheint wohl der Meinung zu sein, als gäbe
es in unserem Land hinsichtlich Energieversorgung keine größeren Probleme und Südtirol hätte eh schon die erforderlichen Hausaufgaben gemacht. Ich möchte auch nicht bestreiten, dass einiges geschehen ist, aber dass wir uns im Lande bei der
Energieversorgung zurücklehnen können, möchte ich vehement bestreiten. Wer sich nämlich die Mühe macht, die Energiesituation des Landes etwas genauer unter die Lupe zunehmen, der muss feststellen, dass die Lage gar nicht so rosig sind.

4. Seit die Erdölpreise stetig und rapide steigen, wird immer mehr über erneuerbare Energiequellen diskutiert. Wie weit ist Südtirol mit diesen innovativen Energienutzungsformen?
Ich werde die Frage mit einigen Zahlen beantworten. Wie man aus den Grafiken zu den internen Ressourcen Südtirols lesen kann, beträgt der jährliche Eigenbedarf Südtirols knapp 8.700 GWh. Der importierte Strom liegt knapp über 1.200 GWh, während die in Form von Naturgas importierte Energie fast 2.000 GWh, in Form von Erdöl und dessen Nebenprodukten fast 3.520 GWh ausmachen. Die insgesamt importierte Energie beträgt somit 6.551 GWh, der eine Eigenproduktion von 2.151 GWh gegenüberstehen. Das bedeutet, dass wir nur rund 25% unseres Bedarfs intern abdecken.
Wenn wir uns auf die elektrische Energie beschränken, dann sehen wir das ENEL (51,2 %) und Edison (24,2 %) insgesamt 75,4 % der in Südtirol erzeugten Energie besitzen, während lokale Körperschaften nur 24,6 % besitzen, wovon die 10,1 % auf die Etschwerke , 5,4 % auf die SEL-AG, 1,1 % auf Vinschger Gemeinden und 8,1 % auf kleine Privaterzeuger fallen.
Bezogen auf unseren Eigenbedarf kann man sagen, dass die lokalen Betriebe nur etwa 52% der insgesamt in Südtirol verbrauchten Energie produzieren.
Sicher ist in Südtirol in den letzten Jahren ein rasanter Anstieg des gesamten Energieverbrauchs zu verzeichnen und zwar genau um 27 % in den letzten zehn Jahren. Die größten Verbrauchssteigerungen betreffen Naturgas, dessen Verbrauch in der selben Zeitspanne um 60 % gestiegen ist, gefolgt von elektrischem Strom dessen Konsum um 44% zugenommen hat.
Die dringlichsten Maßnahmen sind in Südtirol:
a) mit Energie effizienter und sparsamer umgehen
b) den Unabhängigkeitsgrad Südtirols im Bereich der Energieverwaltung sowohl durch wirtschaftliche als auch politische Maßnahmen steigern, z.B. durch die Übernahme der in Südtirol bestehenden Wasserkraftwerke. Zwar ist das Entwicklungspotential der Wasserkraft gering, aber einiges kann in Südtirol noch ausgebaut werden, selbstverständlich unter Berücksichtigung der gesetzlich vorgeschriebenen Restwassermengen.
c) Förderung und Intensivierung der aus Biomasse erzeugten Energie, beispielsweise aus der Holzwirtschaft, dessen jährlichen Zuwachsraten effizienter genutzt werden sollten, genauso wie auch die Einbringung von Sägewerkverarbeitungsrückständen verbessert werden sollte. Außerdem müssten neue Biomassequellen erschlossen werden, wie z.B. der Anbau geeigneter Pflanzenarten oder die Einbringung biologischer flüssiger Brennstoffe.

5. Mit welchen Hindernissen muss man, oder musste man rechnen, wenn man den Hauptteil der Energieversorgung aus regenerativen Quellen beziehen will?
Südtirol verfügt sicherlich über viel Wasserkraft, die schon relativ stark erschlossen ist. Da und dort könnte aber auch das eine oder andere Gewässer bei Sicherstellung eines vitalen Restwassers erschlossen werden. Auch wäre es bei einigen älteren Wasserkraftwerken in Südtirol möglich, die Produktivität zu verbessern. Noch einiges kann vor allem im Bereich der Biomasse geschehen. Südtirol ist ohne Zweifel reich an Biomasse, die vorhandenen Potentiale werden zur Zeit nur unzureichend genutzt, auch werden verschiedene Möglichkeiten in der Landwirtschaft für den Anbau und die Bereitstellung von energetisch verwertbarer Biomasse kaum noch ausgeschöpft. Der Südtiroler Wald spielt als möglicher Lieferant von Energieholz nur einen bescheidene Rolle. Hier sollte auf der Basis eines entsprechenden normativen Förderungskonzeptes eine bessere Nutzung erreicht werden. Auch sind Konzepte zu entwickeln, um künftig energetisch nutzbare Biomasse in der Landwirtschaft bereitzustellen.

6. Wie beurteilen Sie die Energiepolitik der Landesverwaltung und besonders die Bestrebung einer landeseigenen Verwaltung aller in Südtirol bestehenden großen Wasserkraftwerke? Würden die Bürger davon profitieren oder könnte dies die Entscheidungsfreiheit der Käufer beeinträchtigen?
Wie aus den obigen Daten hervorgeht, hat Südtirol nur einen bescheidenen Anteil an der in Südtirol erschlossenen Wasserkraft. Sie befindet sich zum größten Teil in den Händen auswärtiger Unternehmen. Daher ist es mehr als gerechtfertigt, wenn das Land Südtirol bzw. die politische Verantwortlichen alles unternehmen, um diese Wasserkraft in die direkte Verfügbarkeit des Landes zu bringen. Allerdings wäre es wünschenswert und sinnvoll, wenn die Kraftwerke zumindest zu einem bedeutenden
Teil auch den lokalen Versorgungsunternehmen übertragen würde, damit diese mit dem lokal erzeugten Strom dann auch den Bedarf der lokalen Bevölkerung und Wirtschaft bei kostengünstigen Preisen decken können.


März 2006

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