| Bäumergeschichten
in Eisacktal

Erlauben sie mir, Ihnen eine Familie vorzustellen, die mir sehr
am Herzen liegt. Ich weiß, dass es sich nicht gehört
sich in die Angelegenheiten einer Adelsfamilie einzumischen und
diese hinauszuposaunen. Ich tue dies nicht, um deren Vertrauen
zu missbrauchen, sondern um abermals aufzuzeigen wie kurios die
Welt ist, in der wir leben, wo Menschen und Bäume die selben
Wurzel zu haben scheinen. Bei beiden gibt es Sympathien und Eifersüchteleien,
gute Seiten, aber auch kleine Bosheiten und aus Trotz begangene
Taten.
Zu den ersten, die hierher gelangt sind gehört der Graf
Max von Waldbuche, der mit einer kleinen Schar von Schattenspendern
aus dem Orient kam. Als die Täler endlich trockengelegt
wurden, entschloss er sich hier mit seiner Familie sesshaft zu
werden, ihnen Arbeit zu verschaffen und zuzulassen, dass sie
sich auch in den schattigsten Ecken des Tales ausbreiten und
das Wasser, welches im Frühjahr fällt, sammeln.
Erst später entschlossen sie sich, zwei Cousins des
Grafen Gastfreundschaft zu gewähren, welche zwei Ästen
des selben Stammbaums abgehörten und welche, nachdem sie
die günstigen klimatischen Bedingungen, die in den südlichen
Alpen herrschen, entdeckten, nicht lange zögerten bis sie
abermals ihre Verwandten nachholten. Die Grafen Camus von Eiche
und Satin Kastanienigel folgten ihren Verwandten zu diesen sonnigen
Hüfgeln. Schnell wurde es überfüllt und die ersten
Unzufriedenen taten sich kund. Die Herren von Buche, die seit
langer Zeit hier sesshaft waren, haben dem Tal ein besonderes
Aussehen verliehen. Sie waren sich mit Tannen und Lärchen über die Grenzen der jeweiligen Ländereien,
das Durchzugsrecht und die Besitztümer, sowie über
Sitten und Gebräuche einig geworden: im Sommer würden
die frischen Buchen für Schatten sorgen, im Winter würden
die verschneiten Tannen und Lärchen zu Ihrer Gloria kommen.
Im Gegenzug wechselten die Buchen im Herbst ihr Kleid und legten
Ihre Mäntel bis zu Frühlingspunkt/Widderpunkt ab.

Die Herren von Eiche und von Kastanie beugten sich diesen strengen
Regeln nur ungern. Sie stammten von den warmen Ufern des "Meeres
zwischen den Erden", wo das Kleid das ganze Jahr über
ein Zeichen stolzer Herkunft ist, und sie wollten sich nicht
vor diesem grobem Nadelvolk entkleiden. Es gab Misshelligkeiten,
Streitereien, Zank und Kämpfe bis man vor einigen zehntausenden
von Jahren zu einer Übereinkunft kam: die Herren der Eichen
und der Kastanien hätten sich an die lokalen Bräuche
anpassen müssen, hätten im Gegenzug aber die sonnigsten
und wärmsten Hänge der Täler erhalten, damit sie
nicht so unter den kalten Wintern leiden mussten, die von den
Gletschern herunter schleichen.
Aber, dass Kastanien- und Eichenbäume sich
immer noch schwer damit tun die tausendjährigen Traditionen
einzuhalten und sich bei der Wintersonnenwende Ihres Kleides
zu entledigen, ist offensichtlich. Fast als ob sie ihren ersten
Gästen eins
ausschlagen möchten - dem aufmerksamen Wanderer wird dies
nicht entgehen - behalten sie ihre trockenen Blätter den
ganzen Winter über. Einige fallen unter den Böen
der Nordwinde, aber die meisten warten auf die jungen Knospen
und finden sich erst dann damit an den Waldboden mit Stille
und Rascheln zu bedecken.
Texte: A. Fichera |