Aus dem Tagebuch von Andrea Noè (Giro d'Italia 2004)
Pfalzen
am Mittwoch, 26. Mai 2004
Zweiter Rasttag. Absoluter Rasttag. Ich habe
das Rad nicht einmal berührt. Ich habe ein Problem auf dem Sattel,
ein Leiden, das einmal die Cowboys hatten und das heute, da die Cowboys
am Aussterben sind, uns Rennfahrer befällt. Ich habe mich also gelangweilt:
Ich habe Zeitungen gelesen, die Berge beobachtet und die Sonne genossen,
um meine Streifenbräunung zu übertönen. Ich habe mir auch
die Wettervorhersagen angeschaut: Es wird Gewitter geben und ich habe
schon spröde Lippen, aber was soll’s, es gibt Schlimmeres
im Leben. In der Gazzetta dello Sport habe ich die Bewertungen von Nino
Minoliti gesehen. Er hat mir 5,5 gegeben und glaubt, dass wir Freunde
sind. Er hat mir erklärt, er habe mir 5,5 gegeben, gerade weil wir
Freunde sind. Wieviel hätte er mir als Feind gegeben? Minoliti hat
den armen Sella mit 4,5 bewertet. Aber da sage ich: Was hat er sich vom
jungen Sella beim ersten Rennen erwartet?
Armer Lele: sie haben ihm den
Sattel genommen und ihn mit dem Schlauchboot zurück gelassen...Man
bedenke, dass der Giro d’Italia nicht der Giro del Ticino ist.
Macht nichts, er wird Zeit haben sich zu verbessern. Morgen gibt es einen
weiteren Wettkampf. Auch für uns wird es schwierig werden. Unser
Ziel ist es den ersten Platz in der Kategorie Team zu erlangen und vielleicht
auch in der allgemeinen Klassifikation. Ich verrate euch unsere Pläne:
Einer wird früher starten, ein anderer später, jemand wird
morgen abfahren und wieder ein anderer die restlichen Tage. Ich habe
vom Besuch der NAS gehört, vor Sonnenaufgang mit verschiedenen Formationen.
Heute morgen gab es auch bei uns Besuch: die Freundin von Ljunqvist.
Ich wurde um halb zehn von der Kellnerin geweckt, keine Schönheit,
aber sicherlich attraktiver als die Carabinieri. Ich habe mich aber krank
gemeldet, mich auf die andere Seite gedreht und weiter geschlafen. Ich
habe ein ruhiges Gewissen. Ich habe nie an Heilige oder Hexen geglaubt
und auch nicht an Magier oder Wunderheiler.
Ich habe es immer nach meinem
Kopf gemacht, der das ist, was er ist, genauso wie meine Beine, die das
sind, was sie sind. Manchmal laufe ich allerdings Gefahr zu fliehen,
aber das geschieht immer seltener. Mein Schicksal ist undankbar: Je härter
es ist, umso besser ist es.