Testatina

Ur-Paarl: Das Brot der Eheleute

Die zeitlose Verführung des Tiroler Brotes

Feinschmecker ertappt man oft an der Schwelle einer Südtiroler Bäckerei, wie sie sich vom Duft des ofenfrischen Brotes betören lassen, um dann meist der verführerischen Knusprigkeit zu erliegen.
Wenn auch Sie zu jenen gehören, die dem Brot in seinen verschiedenen Formen nicht wiederstehen können, wird es Zeit vom “Liebesbrot” zu kosten. Im Vinschgau, der Heimat des Ur-Paarls – dem Brot der Brautleute- weiß man nämlich schon seit Ur-Zeiten, dass die Liebe durch den Magen geht. Aber welchen Ursprung hat die ungewöhnliche Form des Vinschger Paarls?

Seit Jahrhunderten treffen sich in diesem Tal verzehernde Blicke und berühren einander begierige Hände beim Brechen dieses doppelten Laibes, das die Form einer 8 hat. Er verheißt ganz neue Geschmackserfahrungen. Das Ur-Paarl wird noch heute hergestellt, aber im Unterschied zu früher man muss nicht mehr verheiratet oder verlobt sein, um in seinen Genuss zu kommen und seine aphrodisierende Wirkung zu Erfahren.

Die Amerikaner geben ihren Freundinnen oft den Kosenamen “cookie” und für die Briten ist eine anziehende Frau ein “crumpet”. Im Italienischen gibt es den zweideutigen Ausdruck “essere buoni come il pane” also “gut wie Brot sein”, weil es an leckere weiche Formen erinnert. Dieses Backerzeugnis unserer Tradition weckt also die Libido, denn Roggen soll die männliche Potenz fördern. Noch Fragen?

Dass diese Verbindung zwischen Brot und Erotik auch stimmig ist, können wir natürlich nicht garantieren, denn ein Aphrodisiakum kann nur funktionieren, wenn alle Sinne durch Form, Geruch oder Konsistenz angesprochen werden. Man könnte das Ur-Paarl beispielsweise auf einem romantischen Spaziergang entlang des Flussufers knabbern und dabei weiche Küsse und knuspriges Roggenbrot abwechseln. Dieses Brot mit harter Kruste und weichem Herzen weckt Gelüste bei denen man sich nichts mehr vormachen kann.

Alternativ könnte man auch ein romantisches Abendessen mit einer Lottensuppe zaubern. Sie wird aus einfachen aber geschmacksintensive Zutaten zubereitet: Brühe, ein paar Scheiben Speck oder anderes Fleisch und Stücke von getrocknetem Ur-Paarl. Die Hände berühren einander bei der Zubereitung und lassen sich verleiten. Wie gesagt, Liebe geht durch den Magen.

Wer lieber etwas über die Geschichte und die kulinarische Tradition Südtirols erfahrt, erliegt bald der romantische, oft schon märchenhaft anmutenden Atmosphäre seiner Dörfer und Täler. Man sollte seine Aufmerksamkeit nicht nur auf die Souvenirläden richten, sondern lassen sie sich auch von den Auslagen der Bäckereien und Konditoreien verführen.
Neben dem knackigen Schüttelbrot, dem flachen getrockneten Brot der Südtiroler Bauern und den größeren Pusterer Breatln findet man heute in jeder Südtiroler Bäckerei die Vinschger Paarlen. Alle drei sind Roggenbrote und enthalten Kümmel, was ihnen den typischen Geschmack verleiht.

Die Ur-Paarlen haben also die Form einer 8 und bestehen aus zwei runden flachen Broten, die zusammengefügt werden, um eben das Ur-Paar des Vinschgaus darzustellen. Der Tradition zufolge wurde das Ur-Paarl zu Hochzeiten gebacken, seine besondere Form steht für die Vereinigung der Eheleute. Was für ein romantischer Gedanke!

Das Ur-Paarl ist die wahrscheinlich bekanntere Variante des alten Vinschger Paarls, das im Oberen und Mittleren Vinschgau seit Urzeiten verbreitet war. Es hat eine weiche dunkelbraune Kruste und ein braunes Inneres aufgrund des Roggengehalts. Das ursprüngliche Rezept sieht Roggenmehl, Wasser, Salz und Sauerteig vor, dem der Teig die dunkle Farbe und den säuerlichen Geschmack zu verdanken hat. Es gibt auch eine süße Variante mit Trockenobst.

Das Rezept dieses saftigen Brotes wurde jahrhundertelang von den Benediktinermönchen des Klosters Mariaberg in Burgeis nur mündlich überliefert. Aus diesem Grund lautet der vollständige Name eigentlich “Ur-Paarl nach Klosterart”. Das Kloster Marienberg ist aus dem Jahr 1149. Von seinen 1350m beherrscht es den Eingang zum Hochplateau, das von Mals bis zum Reschensee reicht.

Heute findet man das Ur-Paarl täglich frisch in allen Vinschger Bäckereien, auch wenn es früher nur zu gewissen Anlässen von den Bauern im Holzofen gebacken wurde. Es wurde sowohl frisch zum Frühstück oder zur Marende (dem Südtiroler Nachmittagsimbiss) begleitet mit Butter, Marmelade, Speck Würsten oder Käse gereicht oder getrocknet und auf dem eigenen Schneidebrett in Stücke geschnitten in warme Milch oder Suppen getaucht.

Bezeichnend für die Besonderheit dieses Brotes ist, dass Slow Food hat das Ur-Paarl zu seinen Produkten gereiht hat. Zwei Handvoll Südtiroler Bauern haben sich zum ursprünglichen Anbau von Roggen bekehrt und haben sich mit Vinschger Bäckermeistern zusammen getan, um das Ur-Paarl am Leben zu erhalten und zu verbreiten.

Text: A. Dolzan
Foto: Anacleto Zuppini

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