Vinschgau

"Ich hab' Lust auf Aprikosen" sagte Alina: "Dann
pack' deine Sachen". Mehr verdutzt als überrascht kam
Alina eine Stunde später die Treppe runter, um vor dem Haus
auf mich zu warten. Jener Begriff -"Aprikosen" hatte
in mir die Reaktion einer Proust'schen Madeleine ausgelöst.
Er hat in mir die Erinnerung an Düfte aus meiner Kindheit
und an erst kürzlich gemachten Lektüren wach gerufen.
Es gibt Männer, die Ihre Frau mit Blumen überraschen
und andere, die mit einer mehrstündigen Reise nach Südtirol
das selbe erzielen wollen. Im zweiten Fall sollte die Frau schon
verständnisvoll (und naschhaft sein).
Freitag
Freitag Abend gegen 19 Uhr fahren wir in Bozen von der Autobahn
ab, um auf der Schnellstrasse MeBo nach Meran zu fahren. Über
das Ziel unserer Reise hatten wir auf der Fahrt nur wenig,
eigentlich gar nicht gesprochen, wahrscheinlich weil wir
das was wir suchten sowieso nur am nächsten Tag bei
Sonnenaufgang finden würden.
In der Zwischenzeit macht sich ein bestimmter Appetit immer
stärker bemerkbar. Dieses Gefühl wurde außerdem
durch den Wunsch verstärkt die Hitze dieser ersten Julitage
mit etwas Kühlem und Spritzigem zu bekämpfen. Die
Antwort auf unsere Sehnsüchte erwartete uns vor dem Taleingang
thronend. In der Wirtsstube der bekannten Bierbrauerei
Forst wird der Gerstensaft bis spät in die Nacht auf geschenkt,
dazu werden Würste und Südtiroler Spezialitäten
gereicht. Dieser schmackhafte Willkommensgruß macht uns
Lust auf mehr.
Die Strasse ist anfänglich recht steil, entspannt sich
dann aber sobald man die Vinschger Hochebene erreicht. Die
Nacht verbringen wir im Naturnser Hotel Sonnenhof.

Samstag
Es ist Samstag Morgen. Ein typisches Südtiroler
Hotelfrühstück ist etwas, das man nicht so schnell
vergisst: es gibt frisches , knuspriges Brot, Butter, Marmelade,
Joghurt, Fruchtsäfte, aber auch Aufschnitt und Käse.
Ein leckerer Tagesanfang.
Bevor die Reise weiter geht nützten wir unseren Spaziergang
durchs Dorf, um bei der Metzgerei Christianell ein schönes
Stück Speck zu kaufen, auf das sich unsere Freunde, die
daheim geblieben sind, schon freuen.
Wir schreiten zur Tat und machen und auf zur eigentlichen Überraschung,
die ich für Alina geplant habe. Wir lassen Latsch und
Kastellbell, wohin wir später noch zurück kehren
werden hinter uns schlüpfen durch die Engen Gassen von Laas. Das Reich des Weißen Marmors und, seit einiger
Zeit, der Aprikosen und des Vinschgauer Obstes. In diesen Tagen
wird der Bauernmarkt abgehalten. Die Anbieter kommen von den
Bergbauernhöfen, die beide Talseiten, bis zu einer Höhe
von 1500 säumen und verkaufen hier das Obst, welches sie
in den eigenen Gärten anbauen. Mit den Aprikosen wird
Marmelade gemacht, die wiederum verwendet wird um Süßspeisen
wie Krapfen und Kuchen zu verfeinern. Dann gibt es natürlich
noch die Marillenknödel (Marillen=Aprikosen), für
die die ganze Frucht verwendet wird. Dazu kommen die kleineren
Früchte aus dem Martelltal: Erdbeeren, Schwarzbeeren,
Himbeeren, Johannisbeeren, um nicht von den knackigen Äpfeln
zu sprechen, die unter der Schutzmarke des Tales verkauft werden
zu sprechen. Ein kleines Paradies.
Vollgepackt mit Mitbringsel für uns und unsere Freunde
fahren wir einige Kilometer zurück ins Tal und kehren
im eleganten Restaurant Kuppelrain in Kastellbell ein, in dem
die Tradition des Tales und dessen Produkte modern interpretiert
werden. Hier erwartet uns das junge Ehepaar Trafoier das die
Dorfschenke zu Michelin-Stern geführt hat.
Mit immer noch wässrigem Mund führen wir unseren
Weg fort, der uns in immer luftigere Höhen führt.
Auf den saftig grünen Wiesen sehen wir Kühe weiden
und wir wundern uns nicht, als wir erfahren das auf den Almen
immer noch duftender Käse hergestellt wird. Diesen finden
wir sowohl auf Tisch als auch in den Spezialitätengeschäften
wieder. Er wird mit der Marke von Burgeis, dem Namen des kleinen
Dorf hinter der Hauptortschaft des Vinschgaus Mals
im Vinschgau verkauft. Wir entscheiden uns hier unser zweites Basislager
aufzustellen. Im Hotel Greif, welches zur Vereinigung der Bioland-Betriebe
gehört, ist der Empfang freundlich, die Zimmer warm und
die Entspannung garantiert. Die Uhrzeit gewährt uns einen
weiteren Abstecher und wir kehren beim Hof des Burgeiser Jungbauern Albert Aghatle ein, der aus seinem Betrieb eine kleine Käserei
von hohem Niveau gemacht hat. Sein weicher, gelber Käse
schmeckt hervorragend. Ein Pflichtbesuch. Wir versuchen außerdem
einige Laibe der sagenhaften Uhr-Paarln zu besorgen. Die Roggenbrotpärchen
werden nach einem Jahrhunderte alten Rezept des Benediktinerinnenklosters Marienberg von Burgeis. Der freundliche Aghatle gibt uns einige
Stücke ab.
Müde aber zufrieden schlendern wir durch Burgeis, dessen
mittelalterliche Gassen der Schauplatz von Pierpaolo Pasolinis
Decameron sind.
Beim Abendessen geben wir uns in die geschickten Hände
des Küchenchefs des Wirtshauses Sonneck, in dem unter
anderem Fisch von der Latscher Forellenzüchtung angeboten
wird.

Sonntag
Die Nacht war unbeschwert, der Morgen ist frisch. Es gäbe
noch tausend Sachen zu tun. Das Suldental und das Restaurant Yak&Yeti zu besuchen. Weitere Betriebe des Reschenpasses
besuchen und vielleicht einen Abstecher in die Schweiz machen,
aber die Zeit ist knapp und voller Wehmut kehren wir ins
Tal zurück. Hier sammeln wir unsere Kräfte uns
besuchen eines der besondersten Ecken des Vinschgau: das Schnalstal. Hier haben wir vor Schloss
Juval mit seinem Gut
zu sehen, welches einen viel gerühmten Weinkeller, zwei
Höfe, den Schlosswirt und das restaurierte Schloss,
in dem sich eine kuriose Sammlung von Mitbringsel aus Tibet
befindet, umfasst. Mit etwas Glück lernen wir vielleicht
auch den Schlossbesitzer, den berühmten Bergsteiger
Reinhold Messner kennen, der dem Wiederaufbau dieses wilden,
ursprünglichen Refugiums viele Jahre seines Lebens gewidmet
hat.
Für den Schluss haben wir uns den Besuch des Weinkellers
von Juval aufgespart. Von hier aus versucht ein junger Schweizer Önologe
das Potenzial der Weine dieses extremen Tales in ganz Italien
bekannt zu machen. Der Riesling und der Pinot Nero überzeugen
mit ihrem erhabenen, fruchtigen Duft und den kontrastierenden
starken mineralischen Noten. Es ist als ob sie die Besonderheiten
dieses Ortes in sich vereinen würden.
Während sich der Moment der Abreise nähert gönnen
wir uns eines der speziellen Destillate des Schweizers. Müde
aber glücklich verlassen wir dieses Schlaraffenland.
Im Gepäckraum des Autos glänzen die Aprikosen in
der Abendsonne. Sie werden uns noch einige Tage lang an dieses
kulinarische Abenteuer erinnern.
Texte: Angelo Carrillo.
Bilde: Bernhart - Casanova
- Ochsenreiter - Ravanelli. |