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Das Meisterwerk von Herrn Ing. Donegani

“Die Straßen singen“, schrieb schon Chatwin, und auch die Stilfserjochstraße hat ihre Stimme. Aber im Auto kann man sie nur schwer hören. Um sie richtig einzufangen muss man sich ohne Ballast hinaufkämpfen, sich seinen eigenen Tunnel der Stille schaffen. Gerade deshalb, und nicht so sehr der Landschaft wegen, muss man mit dem Fahrrad hinauf! Das Geheimnis der höchstgelegenen Alpenstraße, jener legendären Schlange, die Jahr für Jahr Tausende von Radfahrern in seinen Bann schlägt, kann nur auf diese Weise gelüftet werden. Und das Geheimnis ist nicht der Höhenunterschied – 1884 Meter – aber auch nicht die fantastische Eiszeit-Kulisse. Es ist die akustische Wahrnehmung, die schon am Vorabend in Deinen Ohren beginnt, wenn Du im Vinschgau das Plätschern der Bäche hörst und die Glocken von Mals und Glurns aus ihren romanischen Türmen die Vesper einläuten und so die alte lateinische Seele dieser germanisierten Berge offenbaren.

Die Reise beginnt noch vor Tagesanbruch, wenn der Wind die Talweiden hinunter weht und den Geruch der im Mondlicht leuchtenden Gletscher mit sich bringt. Dann kommen die Schwalben, die mit ihrem schnellen Flug und ihren trockenen Rufen immer wieder einen aus der Flugtechnik bekannten Zweiton-Effekt erzeugen, Physiker nennen ihn “Doppler-Effekt”. Und dann das Rauschen der Etsch, an der Laatscher Brücke, die Italiener sagen „Laudes“, ein Name der bereits eine Hymne an den Ewigen Vater anstimmt, eine Ouvertüre zur Begrüßung des Pilgers, der mit dem Rad seinem Weg Richtung Kirchturm von Prad folgt, wo die eigentliche Steigung beginnt. Hier münden wir in der “Statale 38”, die Staatsstraße, am Eck eines alten Hauses. An der Kreuzung ist ein Konvexspiegel, auf dem gerade zwei Wahnsinnige in Unterhosen erscheinen, Francesco Airoldi aus Bergamo und ich. Das Rauschen des Suldnerbachs und dessen silbergraues Wasser, verzaubern uns wie ein dunkler Mutterschoß. Kein anderes Geräusch. Wir sind absolut alleine und beginnen unseren Aufstieg gegen den Strom. Unsere Atmung wird synchron, eins zwei drei vier, eins zwei drei vier; der ganze Körper singt jetzt: Herz, Lungen, Gelenke. Dann kommt vom Tal her das erste LKW-Brummen. Von hinten nähert sich der Dieselgestank und eine Schleppe von Autos, die nicht überholen können. Aber wir befinden uns gerade in der Kurve und auch wenn er möchte, könnte uns der Riese nicht überholen, so genießen wir diese kleine Revanche gegenüber der Arroganz dieses Lärms.

Die Rückenschmerzen meines Freunds Airoldi haben ihn dazu veranlasst, statt des üblichen Sattels eine Art Wohnzimmersessel zu benutzen. Absolut schwachsinnig, noch nie habe ich so etwas gesehen: ein Sessel pro Backe! Er sagt, das funktioniert einwandfrei, aber nur wenige glauben ihm. Außerdem hat er die Lenkstange so hoch montiert, dass er fast im stehen tretet, mit einem Handtuch um den Hals, wie ein Boxer auf der Waage. Zwischen unseren Köpfen ist somit einen Unterschied von über einem halben Meter, wir schauen aus wie die Marx-Brothers. Irgendwie schaffen wir es aber so, die Angst vor dem Berg zu überwinden und auch all die echten Radfahrer, die uns bald mit ihren engen Crazy-Horse Anzügen einholen werden, ein bisschen auszulachen. So haben wir auch den Gavia geschafft, eine weitere “Giro”-Legende.

Und so werden wir auch den Stilfser Joch schaffen. Die 48. Wendung, die erste vor dem langen Countdown. Unterhalb von Trafoi breitet sich das Bergtal aus, die Sonne kommt heraus und wärmt unsere Rücken. Die Anstrengung öffnet Nase und Geruchssinn, ich erkenne Sonnencreme, Orangenlimonade, trockenes Weidegras. Ganz oben thronen die großen Berge. Die Schönheit dieses Anblicks verringert um zwei Prozent die Steigung, es ist wie ein Magnet, das uns nach oben zieht. Aber auch die Straße hilft uns, wunderbar in den Berg geschnitzt. Man ist ständig unter dem Limit des Machbaren. Geplant wurde die Straße bereits unter den Habsburgern, von einem Ingenieur aus der Lombardei, Herrn Donegani, im Jahr 1818.

Donegani. Jeder Italiener sollte sich stets den Hut abnehmen wenn er diesen Namen hört. Denn am Stilfser Joch ist nicht nur Coppi zuhause. Der Mythos ist die Straße selbst, diese perfekte, konstante Bergfahrt, die sogar dem Unwürdigsten entgegenkommt. Die Wendungen sind ja geradezu dafür geschaffen, sich zu erholen. Wer mit dem Auto da hinauffährt kann das leider nicht verstehen. Er versteht nicht, wie man in diesen Kurven am Rande des Abgrunds sogar während des Aufstiegs abwärts fahren kann. Man muss nur ganz eng der äußeren Mauer entlang fahren und die Gegenneigung ausnutzen.

Ein absolutes Gaudium: Trafoi. Ladinisch heisst das “Drei Brunnen”, ein sehr schöner Dorfname. Dann folgen Hotels und die Kuhglocken der gefleckten Alpenrinder, am oberen Ende einer schwindelerregenden Alm. Und ganz oben ein alter Bauer beim Mähen, Gott allein weiß wie dieser es schafft, nicht herunter zu fallen. Hier beginnt der schwierigste Teil, um der 34. Wendung, am Gasthaus Weisser Knot. Zehn Prozent und steiler. Genau hier beginnen beim Giro d’Italia die Ausreißer. Und nun holen uns auch die ersten Radfahrer ein, hoch auf ihren Satteln. Wir hören schon von weitem den Orgasmus ihrer Atmung. Absolut konzentriert – wir Maultiere werden nicht einmal eines Blicks gewürdigt.
Gasthaus Franzenshöhe, auf 2188 Meter, die letzte Orangenlimo. Die Waldgrenze ist erreicht, der Höhenwind bläst. Der Himmel wird schwarz, man sagt dass von den Bergspitzen zu Mittag die Sterne zu sehen sind. Aber das Idyll währt nicht lange. Ein Grollen wird immer lauter, wird fast zum Geheul, dann noch eins, und noch eins: Motorradfahrer. Deutsche, Italiener, Holländer. Es sind hunderte, verkleidet und voll gerüstet. Der Lärm wird unerträglich, von oben kommen sogar Traktoren, ein Treffen von Verrückten, die in Richtung Vinschgau ziehen. Unterhalb der Kennzeichen steht “Traktorclub”.

Dann beginnt ein wüstenhaftes Kar, die letzten zwanzig Wendungen steigen nur mehr sägezahnartig. Auch das Gasthaus am Joch scheint es zu berühren, aber das ist nur eine optische Täuschung. Noch sechshundert Meter Höhenunterschied fehlen, ein unendlich langes Gebet, in diesem Kessel, der das Motorradgeheul unendlich vervielfacht.

Höhenwind, das Plätschern eines Brunnens, der letzte. Eine Horde von Radfahrern trifft sich beim Füllen der Flaschen, prüfende und narzißtische Blicke werden ausgetauscht. Wir aber entdecken auf den Wiesen das Leuchten mikroskopisch kleiner Blüten, gelb, blau, violett und darauf schwarze Schmetterlinge mit roten Punkten.
Der Aufstieg ist inzwischen zur Klettertour mutiert. Eine Himmelfahrt. Die Luft ist dünn und man ist fast in Trance. Die Wendungen schrauben sich nach oben und jene die man überwunden hat, stürzen nach unten, übersät mit kleinen, einzelnen Ameisen: ein vertikales Velodrom. Der Himmel ist gestreift, die letzte Kurve, nur noch fünfhundert Meter. Der Geruch von Polenta kommt uns aus den Restaurants am Joch entgegen und sagt uns, dass wir es geschafft haben.

“Essen, Radfahrer! Essen, Ihr braucht jetzt Energie!” schreit der Würstelverkäufer mit seiner rauhen Stimme aus seinem Stand im Niemandsland, zwischen dem ersten Gasthaus und dem Schild am Joch. Erst als ich diesen Schrei höre, erwache ich aus dem Mantra des Aufstiegs und spüre sofort den eiskalten Wind der Lombardei aus der anderen Bergseite. Erst jetzt nehmen wir unseren Hintern vom Sattel und schreiten, nicht ganz aufrecht, zwischen Souvenirläden und einem Labirynth aus schlecht geparkten Autos, und unser Gang ist in der Tat etwas lächerlich, so ganz ohne Lenkstange.

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