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Rund treten


Als ich das x-te Mal den Ausdruck „das Treten muss rund sein“ hörte, fragte ich als üblicher Querdenker, denjenigen, der dies gesagt hatte, er solle mir mal erklären, wie man quadratisch treten könne.“ Hätte ich diese Frage bloß nicht gewagt. Derjenige, dem ich die verhöhnte Frage gestellt hatte, eine alte, starke Persönlichkeit von unendlichen Herausforderungen geprägt, schaute mich mit einem Lachen in den Augen an und wendete sich anschließend an die, die vor ihm standen – ich stand ein paar Meter neben ihm – und sagte: „Der Junge glaubt wohl alles verstanden zu haben, aber eigentlich hat er null kapiert.“
Das Lachen, das von Seiten der anderen folgte, zeigte, dass er zwei Volltreffer gelandet hatte: einmal, indem er mich „Junge“ nannte – ich bin ungefähr 50 Jahre alt – und zum zweiten, indem er bei der Betonung des Wortes „null“ eine derart künstliche und lächerliche Stimme, mit einem äußerst ironischen Beigeschmack benutzte, das noch viel ironischer klang als mein „quadratisch“. Irgendwie war ich ihm für die kleine Niederlage dankbar, denn plötzlich fiel mir ein Ereignis ein, wo ich diesen Ausdruck schon einmal gehört hatte. Es war eine schöne, wenn auch melancholische Erinnerung. Mein großer Bruder Georg war, als er noch lebte, ein außergewöhnlicher Baumeister von Flugobjekten. Er baute hauptsächlich Segelflugzeuge, aber auch Modelle mit Motor, mit elastischen Knäueln, Reaktionsmodelle sowie akrobatische Modelle, die scharenweise Kinder anlockten, die schauten und staunten, sobald er sie an herrlich sonnigen Sommernachmittagen auf der grünen Wiese hinter der Dorfkirche ausprobierte. Ich war sein Assistent, sagen wir der Lehrling, wenn ich auch lange nicht seine außergewöhnlichen Fertigkeiten besaß, die mir fast schon wie ein Wunder vorkamen. Besonders weil in der Schule ich der Bessere war, er schaffte gerade mal den Handelsschulabschluss.
Ich habe allerdings erst viel später als Lehrer verstanden, dass die schulischen Leistungen wenig über die wahren Eigenschaften einer Person aussagen. Wir gingen also eines Tages auf die Felder, wo es zu den Bergen hin keine Bäume gab, um eines seiner ersten Flugobjekte auszuprobieren. Wie immer waren wir mit dem Fahrrad unterwegs, er fuhr und ich saß auf dem Eisengestell mit dem Flugzeug in der Hand, das erste, das er aus dem leichten Holz des Balsenbaumes gebaut hatte. Vorher verwendete er Sperrholz, das zwar ausgezeichnete Resultate im Fluggleichgewicht brachte, aber aufgrund des Gewichts es nicht lange in der Luft blieb. Das neue Flugzeug hatte ca. einen Meter Flügelspanne und war leicht wie eine Feder: Wir waren beide gespannt auf das Ergebnis dieser neuen Konstruktion. Am Zielort angelangt, bereiteten wir uns sorgfältig auf den Start vor. Wir suchten einen geeigneten Standpunkt und warteten auf den richtigen Moment. Er hatte mir den Begriff der Thermik erklärt, aber ich habe nicht viel davon verstanden. Ich vertraute ihm einfach und wartete ab. Er ging voraus, das Seil in der Hand und ich folgte ihm mit dem Flugzeug, das ich mit der rechten Hand in die Luft hielt. Sobald ihm der richtige Moment erschien, machte er mir ein Zeichen und fing an zu laufen: ich folgte ihm und passte auf, dass das Seil gespannt blieb. „Lass los“, schrie er plötzlich und lief noch schneller.
Das Flugzeug schien für einen Moment unsicher, ob es aufsteigen oder abstürzen würde, dann stieg es schließlich mit der Luft auf. Mein Bruder, laufend und den Kopf nach hinten, hielt an und ließ das Seil los. Das Flugobjekt hatte die perfekte Thermik, einen warmen aufsteigenden Luftstrom erwischt, und es segelte mit perfektem Gleichgewicht sicher dahin und stieg immer weiter hinauf. Stolz schauten wir ihm nach und folgten ihm, indem wir mal gingen, mal liefen. Aber dann begann mein Bruder sich Sorgen zu machen und sagte zu sich selber: „Aber wo fliegt er denn hin, wir werden ihn verlieren, er kommt nicht mehr herunter, er kommt nicht mehr herunter.“ Und tatsächlich wurde das Flugzeug am Himmel immer kleiner. Wir liefen zum Fahrrad zurück, stiegen wieder auf, er auf den Sattel und ich auf das Eisengestell und begannen das Flugzeug einen Pfad entlang zu verfolgen, während wir immer wieder zum Himmel hinauf schauten, um es nicht aus unseren Augen zu verlieren. Plötzlich sagte er zu mir: „Los, trete auch du“. Also begann ich, auf dem Eisen des Fahrgestells sitzend, mit dem linken Fuß das linke Radpedal zu treten, während er mit dem rechten Fuß das rechte Pedal betätigte. Wir traten so schnell wir konnten ohne unseren Blick vom Himmel abzuwenden. In diesem Moment schrie er: „Du musst rund treten, trete rund“, und ich verstand, dass er mir damit sagen wollte, ich trete langsamer als er und erzeuge damit ein Ungleichgewicht, das sich wiederum negativ auf das effiziente Vorankommen auswirkte. Wir kamen von der Straße ab und fielen kurz darauf hin. Schließlich ist es nicht ganz einfach einen Pfad entlang zu fahren, der sich plötzlich in eine Trift verwandelt hat, weil wir nach oben und nicht geradeaus schauten. Wir standen wieder auf, um das Flugzeug zu verfolgen, das mittlerweile hoch hinauf gestiegen war und am Himmel nur noch als Punkt und schließlich gar nicht mehr wahrzunehmen war. Es ging im unendlichen Universum verloren. Melancholie, aber auch Stolz lag in der Luft: nur ein einziges Modell hatte es geschafft, sich die Thermik so zu Nutze zu machen, dass es so weit aufsteigen konnte, bis es am Himmel verschwand.




aus G. Pauletto "Amati giri ciclici - pensieri, emozioni e piccole storie in bicicletta", Ediciclo Editore, Trad. R. Pranter

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