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Aus dem Tagebuch von Michele Scarponi (Giro d'Italia 2002)


Corvara am Mittwoch, 29. Mai 2002

Liebes Tagebuch,
wie du siehst, lebe ich noch und das ist schon eine Nachricht, eine gute Nachricht, eine wunderbare Nachricht. Auch weil ich auf der Marmolada mehr tot als lebendig war. Fünf Kilometer vor dem Pass beginnt der schlimmste Anstieg, den ich je erlebt habe und vielleicht auch der schlimmste von denen, die man sich nicht vorstellen kann. Es gibt da eine gerade Strecke von zwei oder drei Kilometern, die zwei- oder dreihundert zu sein scheinen, weil sie nicht mehr aufhören. Gott sei Dank hat Roberto Conte, der große „Alte“ auf mich gewartet, mich ermutigt und begleitet. Wenn er nicht gewesen wäre, wäre ich immer noch dort im Kalten und allein zwischen Alpenrosen und Hirschen und den Tränen nahe. Ich habe plötzlich den Anschluss an die Besten verloren und kurz darauf auch an die Realität. Am Gipfel anzukommen bedeutete Todeskampf, Leiden und eine Katastrophe. Noch nie in meinem Leben habe ich mich so schwer getan. Der „Alte“ sagte zu mir: „Los, komm, auf geht’s“. „Warte einen Moment“, antwortete ich ihm. Ein toller Dialog. Es tut mir für ihn leid: Heute fuhr er wie ein Pfeil, und wenn er nicht auf mich hätte warten müssen, hätte er auch Perez Cuapio geschlagen. Nach der Marmolada oder vielleicht wäre unverdaute „Marmelade“ besser, stand das Pordoijoch auf dem Programm, ein wahrer Fluch. Und es ist verflucht. Versucht doch mal „pordoi“ in der Kirche auszusprechen und ihr werdet zu drei Ave Maria und einem Bußgebet verpflichtet. Auch auf dem Pordoijoch musste der „Alte“ auf mich warten. Beim Hinunterfahren nahmen sich Popovych und andere meiner an, auf dem Weg zum Campolongo bekam ich dann Krämpfe, auf dem Weg abwärts bekam ich Schüttelfrost. Als ich bei meiner Gruppe ankam, habe ich ihn sofort in den Griff bekommen. Irgendwie war es eine Genugtuung. Klein, aber es ist so. Jetzt weiß ich was Radfahren bedeutet, was der Giro d’Italia bedeutet und was die Hölle bedeutet. Das gleiche. Und das schöne ist, dass es morgen wieder eine Hölle geben wird. Heute Abend habe ich mich im Spiegel angesehen: Ich bin um zehn Jahre älter geworden. Mehr Falten, weniger Haare, größere Augenringe, weniger Dioptrien. Ich erinnere mich an nichts in diesen zehn Jahren außer an diese unendlich lange gerade Strecke.

Michele




aus M. Pastonesi "Il diario del gregario - ovvero Scarponi, Bruseghin e Noè al Giro d'Italia", Ediciclo Editore, 2004, Trad. R. Pranter

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