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Verona-Reschen-Verona
Tagebuch eines 600 km langen Brevets durch das Etschtal

Von Verona zur Quelle der Etsch und wieder zurück nach Verona. Was folgt, ist das Reisetagebuch von Silvias Brevet entlang der Etsch. Brevet, das ist eine Form des Radsports, die in Italien immer mehr Anhänger findet. Dabei wir eine Strecke definiert und eine Zeit vorgegeben, in der man sie beenden soll. Es gibt keine Gewinner, es geht darum sich selbst zu messen.

In der Poebene sehen Gewitter so aus: sie ziehen plötzlich und mit einer beeindruckenden Geschwindigkeit auf und fegen alles mit Windhosen, Regen und Hagel weg. Ich konnte ein solches Freitag Nachmittag auf der Autobahn Richtung Verona selbst miterleben. Es war so stark, dass ich gezwungen war mit Warnblinklicht anzuhalten. Aber der Wetterbericht für das Wochenende war vielversprechend, deshalb saß ich im Auto, hörte zu wie der Hagel auf das Autodach prasselte und dachte: "Hoffentlich entlädt sich alles heute..."

Auf Umwegen fand ich die Sporthalle, auf deren Parkplatz schon der Camper meiner Freunde Nadia und Walter stand. In der Zwischenzeit war die Sonne wieder zum Vorschein gekommen und es war wieder mörderisch schwül. Vor Schweiß triefend gingen wir in die Sporthalle, um uns zu diesem Brevet einzuschreiben und das Startpaket abzuholen. Ich sah viele bekannte Gesichter, man kennt sich, grüßt sich, schüttelt Hände und dann streckte sich mir eine besondere Hand entgegen: es war die von Giorgio, dem leidenschaftlichen Paten dieser Veranstaltung. Nachdem wir monatelang gechattet und sogar ein Online-Verkauf abgewickelt haben, lerne ich ihn nun endlich persönlich kennen. Das Gelingen seines Projekts liegt ihm sehr am Herzen, das sieht man aus kilometerweiter Entfernung an. Solche Menschen tun der Welt gut, sinniere ich.

Die Öffnung des Pakets und die Inspektion seines Inhalts gibt den Radonneurs, die sich unter dem Eingangsbogen der Sporthalle versammelt haben, genügend Redestoff, woraufhin sogar die drückende Hitze vergessen ist. Dann, nach einem Eis, dem Abendessen, den Stechmückenattacken und einem letzten Check der Route schlagen wir die Zeit tot bis es endlich Zeit zum Schlafen ist. Die heutige Nacht werde ich in meinem Auto verbringen, dass für den Anlass zum Mini-Camper umfunktioniert wurde. Auf die Matte komme ich gegen 21.30 Uhr und mit nassem T-Shirt, da uns erneut ein Gewitter samt Windböen überrascht hat, während wir auf dem Sportplatz einem Fußballspiel zugesehen haben. Zum Gesicht abwaschen ist keine Zeit, in meinem ungemütlichen Gefährt drehe und wende ich mich bis ich eine akzeptable Schlafposition gefunden habe. Ich muss unbedingt schlafen, der Wecker ist auf 4.30 Uhr gestellt.

Ich schaffe es tatsächlich einzuschlafen, aber um 3.45 Uhr bin ich schon hellwach. Der Gedanke daran, dass ich noch das Rad mit allem drum und dran bepacken muss, lässt mich von meinem ungemütlichen Nachtlager aufstehen. Der Parkplatz der Sporthalle ist zwar beleuchtet, aber noch relativ ruhig. Immer wieder fährt ein Auto oder Camper mit anderen "Randonneurs auf den Parkplatz. Beim Anziehen sehe ich mir die Welt aus dem Autofenster an und denke "Eine Frau in deinem Alter...verbringst die Nacht im Auto...willst 600 km Stück mit dem Rad fahren...und doch...

Auch Paolo hat, zusammen mit seinem Liegerad, die Nacht im Auto verbracht. In der Zwischenzeit hat Nadia, zuvorkommend wie immer, schon Kaffee gemacht. Nur Walter ist noch nicht aus den Federn gekommen. Im fröhlichen Chaos, das vor ihrem Wohnwagen herrscht passiert es, dass mir Kaffee angeschüttet wird...ich muss das Brevet wohl nach Pocket Coffee riechend in Angriff nehmen, aber was soll's! In der Zwischenzeit haben sich auch die anderen Randonneurs eingefunden, und es sind wirklich viele! Walter macht sich noch fertig und wir sind pünktlich um 5.30 Uhr am Start, ein Wald aus weiß-grünen T-Shirts, die Farben dieser Veranstaltung. Fermo Rigamonti und Giorgio geben und die letzten, väterlichen Hinweise mit auf den Weg und dann geht's los. In den ersten Morgenstunden hat, in der Stadt von Romeo und Julia, die "Randonnée der Radwege" ihren Anfang.

Reschen ist ein Südtiroler Bergdorf im Obersten Vinschgau an der Grenze zu Österreich. Dort entspringt auch die Etsch und unser Ziel ist es, diesen Fluss bis zu seiner Quelle entlang zu fahren. Die Radwege der Regionen Venetien, Trentino und Südtirol sind unsere Verbündeten: sie verlaufen am Fluss entlang und ergeben ein einzigartiges Radwegnetz.

Schon die Strecke von Verona Richtung Gardasee verläuft größtenteils auf einem ruhigen Radweg, deshalb ist es umso traumatischer, als wir auf die Staatsstraße, die sich am See entlang schlängelt, einfahren: es ist noch früh und doch ist sie schon stark befahren. Und nicht nur das: es weht auch starker Gegenwind. Aber durch die Deckung der Gruppe fahren wir trotzdem schnell und deshalb beißen Walter und ich die Zähne zusammen und versuchen so lange es geht Schritt zu halten:
Immer wenn es mir möglich ist, lasse ich den Blick auf den See schweifen, er ist heute noch faszinierender als sonst.

Bei Torbole verlassen wir die Seeuferstraße und nehmen bei Nago die erste richtige Steigung in Angriff. Danach beginnt der Walzer-Tanz mit den Radwegen, sie sind nicht immer einfach zu finden, auch weil wir uns noch nicht an ihre Beschilderung gewöhnt haben. Wir biegen in das Lagarina-Tal ein und die Etsch, unsere Wegbegleiterin, fließt ruhig an unserer Seite. Die erste Kontrolle findet nach ca. 100 km in der Nähe der Ortschaft Nomi, in einer Radler-Raststätte statt. Als wir dort ankommen ist es kurz nach 9 Uhr und unsere durchschnittliche Fahrtgeschwindigkeit bis dahin betrug 28 km/h – eine unglaubliche Leistung für unsere Standards. Es ist eine bunte Truppe mit farbigen T-Shirts, Landkartenfächern, belegten Broten, Kaffee, Cola und der Schlange vor dem Brunnen, um die Wasserflaschen aufzufüllen. Der am häufigsten gesprochene Dialekt ist der aus der Region Venetien, er ist mir vertraut, weil meine Mutter aus dieser Region stammt und ich meine Kindheit dort verbracht habe...

Vom Wind abgesehen ist die Temperatur mehr als annehmbar und die Sonne scheint, aber am Ende des Lagarina-Tals ziehen bedrohlich dunkle Wolken auf. Wir fahren weiter auf dem Radweg Richtung Trient und nach 50 km gibt es eine neue Kontrolle, wieder bei einer Radler-Raststätte. Der Wind wird langsam unangenehm und an einigen Stellen ist es nicht einfach vom Radweg auf die Straße und wieder zurück zum Radweg zu finden: nicht immer stimmen die Informationen im Roadbook überein. Wir versuchen uns an Gruppen dranzuhängen, in denen sich Einheimische Randonneurs befinden, die den Weg auswendig kennen. Vertrauen ist wichtig, denn bei einem Brevet ist es immer riskant den anderen blindlings zu folgen, denn wenn sich der erste verfährt...wie auch immer, es scheint alles glatt zu laufen. Bei der Radler-Raststätte von Pfatten (nach ca. 150 km) gönnen wir uns ein üppiges Teller Nudeln mit Öl und Parmesan. In der Schlange vor der Kassa ruhen wir uns kurz aus, bevor wir uns wieder auf den vom Gegenwind gebeutelten Radweg stürzen.

Wir sind nun allein und der Wind scheint sich etwas beruhigt zu haben, aber es täuscht. Die Einheimischen sagen, dass sich der Wind gegen Mittag, 13 Uhr pünktlich von Nord nach Süd dreht. Heute kommt es mir allerdings so vor, als habe er keine Lust sich zu drehen. Die Wolken ziehen über den Himmel und das Blau schimmert immer wieder durch. Bei Bozen erreichen uns andere Randonneurs und wir nutzen die "Mitfahrgelegenheit", um gemeinsam gegen den Wind anzukämpfen und um uns nicht zu verfahren. Aber es ist anstrengend, ihr Tempo überschreitet unsere Fähigkeiten und es kostet uns große Anstrengung im Schwarm zu bleiben. Mit großem Energieaufwand fahren wir an Bozen vorbei Richtung Meran.

Die Radwege. In diesem Teil von Italien sind sie seit Jahren Wirklichkeit. Für jene, die wie ich in einer Metropole leben und an ein "urbanes" Konzept von Radspuren gewöhnt sind – zugeparkt, voller Glasscherben, mit gefährlich herausragenden Wurzeln, auf den wirken diese Wege wie das Paradies des Radfahrers. Wer dieses Brevet organisiert hat, hatte sicher im Sinn dieses Wunder mit uns zu Teilen, aber als Teilnehmerin kommen mir spontan einige Zweifel. An dieser Radwanderung heute nehmen wirklich viele Randonneurs teil, sie fahren schnell, drängeln. Meistens wird die ganze (enge) Fahrbahn eingenommen, statt sich diszipliniert an der Rechten zu halten. Es ist mir unangenehm, mitanzusehen welche Kunststücke die friedlichen Radfahrer die aus der Gegenrichtung kommen vollbringen müssen, um den Scharen von Randonneurs auszustellen, die präpotent den ganzen Radweg für sich beanspruchen. Oft wird ein Zusammenstoß nur um ein Haar verhindert (ich selbst hatte heute morgen einen Beinahe-Unfall mit einem anderen Fahrradfahrer der mir voller Geschwindigkeit von Mori kam). Die Idee ist natürlich lobenswert, aber einige Randonneurs sind noch nicht bereit für dieses Paradies. Wir müssen noch wachsen: man kann nicht als Horde auf dem Radweg rasen: es ist schlicht zu gefährlich.

In Meran kommen wir in der Gruppe an. Wir haben 200 Kilometer hinter uns gebracht. Bei einem kurzen Aufenthalt bei einem Trinkwasserbrunnen fällt die Gruppe allerdings auseinander und ich bleibe allein mit Walter. Wie studieren das rätselhafte Roadbook, Walters Gespür und ein Pfeil der von der Organisation gesetzt wurde, retten uns und wir fahren auf der Umfahrungsstraße von Marling richtung Forst, der Ortschaft die den Beginn des Vinschgau bezeichnet.

Sieben spektakulären Kehren müssen wir hinter uns bringen, dann ebnet sich der Radweg und wir fahren durch endlose Apfelbaumreihen. Es ist Samstag und um diese Uhrzeit herrscht reger Verkehr: wir treffen Wochenendausflügler, aber auch Radfahrer, deren Räder voll bepackt sind, wer weiß, wohin sie wollen. Bei ihrem Anblick reist meine Phantasie ein Stück mit ihnen. Aber ich muss mich auf mein Ziel konzentrieren und das heißt heute den Reschen zu erreichen, solange es noch hell ist.

Der Radweg auf diesem Streckenabschnitt ist schön nur endet er immer vor den Ortschaften und es ist nicht immer leicht ihn am Ortsende wieder zu finden. Wir fahren vorbei an unendlichen Obstfeldern und an Ortschaften mit – für uns jedenfalls – exotisch anmutenden Namen wie Tschars, Kastelbell, Latsch, Morter. Hier sprechen die Leute einen deutschen Dialekt. Stellenweise fahren wir auf Schotterstraßen und auch das ist eine Besonderheit dieses Brevets. Der Treffpunkt für die nächste Kontrolle am 245. Kilometer hat einen unaussprechlichen Namen und wir verstehen nicht, ob es der einer Ortschaft oder der Bar ist. Jedenfalls ist dieser Ort für uns noch ein Fata Morgana, wir haben das Gefühl nie anzukommen und haben zudem Angst uns zu verfahren. Bei Göflan bestätigt uns ein Herr, dass wir "dort oben", wo schon andere Randonneurs in weiß-grünem T-Shirt hin gefahren sind, den Kontrollpunkt finden werden. Hoffnungsfroh fahren wir weiter und kommen zu einem verwunschenen Wald, die hölzernen Hinweisschilder bestätigen uns, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Der Schotterweg führt uns zu einem Häuschen, das am Ufer eines von der Abendsonne beleuchteten Bergsees liegt. Endlich.

Es ist schon nach 18 Uhr. Ich habe Hunger und möchte sofort etwas essen, aber Walter möchte sich lieber noch ein paar Minuten ausruhen. In der Hütte haben einige Frauen frischen Apfelstrudel aufgeteilt. Ich nehme mir gleich zwei Portionen! Niccolò aus Bergamo, mit dem wir zusammen auf das Brevet von Cairo Montenotte (400 km) gefahren sind, gesellt sich an unseren Tisch und vertraut uns an, dass er vor hat die ganze Strecke von 600 km zu fahren und deshalb schnell zum Reschen und dann nach einem Nickerchen weiter möchte. Ich weise ihn darauf hin, das wir um 6 Uhr am Morgen, wieder bei der Hütte in der wir gerade sind, sein sollen und deshalb nicht viel Zeit zum Schlafen bleibt. Er fällt aus allen Wolken, Niccolò ist noch unerfahren und hat sich vermutlich verrechnet. Als ich zu meinem Rad zurück gehe, um mir warme Kleidung zu holen (die Sonne geht unter und es wird frisch) zieht auch er sich alles an was er hat. Es scheint, als ob er mit uns kommen möchte, aber er ist unentschlossen, fühlt sich nicht wohl. Als wir losfahren wollen, entschließt er sich noch ein bisschen in der warmen Hütte zu bleiben. Walter und ich setzten uns wieder in den Sattel und motivieren uns gegenseitig: der Reschen ist nicht weit.

Auf der Straße gibt es außer uns keine anderen Randonneurs, die Sonne geht langsam über den Radweg unter. Der erste Streckenabschnitt scheint leicht, der Wind hat abgenommen und wir begegnen sogar den ersten, schnellen Gruppen die schon auf dem Rückweg sind. Dann wird der Weg immer steiler und erreicht wahnsinnige 21% Gefälle. Ich verliere fast den Mut, es ist kalt und das Rad könnte von einen Moment auf den anderen nach hinten kippen. Für Walter scheint es ein bisschen einfacher zu sein diese Inferno von Kurven und Kehren hochzuklettern. Ich fühle mich unwohl, die Kilometer ziehen sich hin. Aber ein Brevet ist immer auch eine Art Metapher für das Leben und die schlimmen Momente wechseln sich mit den wunderbaren ab: auch dieser geht vorbei. Die Straße nimmt eine menschlichere Steigung an, abschnittsweise verläuft sie sogar eben oder gar leicht abschüssig und ich kann sogar die Beine auszustrecken. Im schwachen Licht der Abenddämmerung sehe ich, dass die Hochebene, die sich in der Ferne abzeichnete nun unter uns liegt. Auch das Windrad haben wir hinter uns gelassen. Im eisigen Wind fahren wir zick zack über den Damm des künstlichen Stausees, der im Vollmond liegt... wir sind endlich am Reschensee angelangt, die Ortschaft selbst liegt am gegenüber liegenden Seeufer, beleuchtet wie eine Krippe.

Aber wir sind noch nicht am Ziel. Bevor wir zum lange ersehnten Kontrollpunkt-Schlafplatz in Reschen gelangen müssen wir noch über den Pass und auf die andere Seite hinunter nach Nauders auf der österreichischen Seite. Zu unserer Freude erweist sich die Passstraße als eben-abschüssig. An der Grenze ziehen wir alles an was wir haben, sogar die langen Winterhandschuhe und fahren abwärts Richtung Nauders, einem reizenden Wintersportort, wo auch schon ein geheimer Kontrollpunkt in Form des im Auto wartenden Organisators lauert. Ich habe es mir erwartet: ich kann mich nicht beschweren es ist 23 Uhr, wir sind in der vorgegebenen Zeit. Der Veranstalter rät uns auf der Staatsstraße Richtung Reschen und zum Kontrollpunkt zu fahren, der sich wieder in einem Häuschen am See befindet. Die Straße ist zu dieser Uhrzeit praktisch leer und gefahrenfrei. Nur eines sollen wir beachten: erst nach der österreichischen Grenze dürfen wir auf der Straße fahren, den in Österreich sind Fahrräder auf den Staatsstraße tabu. Wir lassen uns den Kontrollpunkt genau zeigen. Den Anweisungen folgend fahren wir die Passstraße hoch (glücklicherweise mit minimaler Steigung) und flitzen unserem Ziel, dem "Reschenseehotel". Zum Hotel zu gelangen ist ein schwieriges Unternehmen auf dieser engen, steilen, dunklen Straße. Bis wir endlich über die lange ersehnte Schwelle treten, werden wir noch einmal kontrolliert (23.45 Uhr), wir reichen einem eingemummten Mann unsere gelben Kontrollkarten. Mit winterfester Kleidung wartet der Kontrolleur, neben einem wärmenden Lagerfeuer auf die Radler. An der Hand führen wir unser Rad die letzten Meter und gehen rein. Der Essraum ist klein aber einladend und die Tische sind voll mit Randonneurs. Das durchwegs einheimische Personal serviert und Fleisch, kalten Kartoffelsalat und – zur großen Freude Walters – ein Bier, auch wenn ein warmer Tee bei diesen Temperaturen wahrscheinlich besser gewesen wäre. Das Fleisch ist schmackhaft, aber zu scharf und bald zu viel für meine vom Wind aufgerauten, spröden Lippen. Der Kartoffelsalat allein ist mir aber zu fad und so bleibt mir nichts anderes übrig, als mir den Magen mit Brot vollzustopfen. Dazu löffle ich zwei Joghurt, die mir sicher nicht schaden. Mampfend sehe ich mich um und sehe sorglose Menschen, in deren müden Augen immer noch ein gewisses Funkeln ist. Für einen Augenblick denke ich, ja es sind solche Momente die das Leben lebenswert machen. Um Mitternacht in einem abgeschiedenen Hotel in Südtirol zu scharfes Fleisch zu essen, während dein Weggefährte neben dir ein Nickerchen am Esstisch macht. Wir entschließen auch kurz mit dem Kopf auf dem Tisch zu dösen. Trotz der kalten Schauer, die ich wegen des Temperaturunterschieds und der Verdauung habe, schlafe ich ein. Natürlich wäre es jetzt schön zu den anderen in den Schlafraum zu gehen. Aber Walter und ich sind uns bewusst, dass wir mit unserem Tempo keine Zeit zu verlieren haben.

Kurz nach ein Uhr. Vor dem Schlafraum warte ich darauf, dass Walter sich wieder anzieht. Es ist empfindlich kalt, ich springe von einem Bein auf das andere, um mich aufzuwärmen. Vom Himmel kommt zudem etwas regenähnliches, der Mond ist kaum noch zu erkennen. In der Zwischenzeit sehe ich Paolo in seinem Liegerad daherkommen, er scheint in bester Form zu sein. Ich denke an jene die, aus eigener Entscheidung oder aufgrund höher Gewalt, den Rückweg nicht antreten werden und jetzt selig schlafen und morgen mit dem Zug nach Verona fahren...bedächtig gehen, mit der Ausreden uns aufwärmen zu müssen, zu Fuß zur Umfahrungsstraße, von hier können wir den berühmten Kirchturm, der aus dem Stausee rag, bewundern.
Null Verkehr, angenehmer Straßenverlauf, ein Traum nach all dem Gegenwind den wir gestern abbekommen haben als es uns so vorkam als ob wir nicht vom Fleck kämen. Meinen Berechnungen zu folge müssten wir die Ortschaft Laas erreichen und kämen von dort in kurzer Zeit zurück zum Kontrollpunkt bei Kortsch. Alles scheint ganz einfach, wir fahren von der Staatsstraße ab und finden auch prompt, es ist 2.45 Uhr, die Hinweisschilder die zum Radweg führen sollen, wir fahren das ganze Dorf hoch, nur den Radweg gibt es nicht. Unglaublich, wir fahren das Dorf ein paar mal auf und ab, aber der Radweg findet sich einfach nicht. Wir sehen auf der Karte nach. Wie zwei Idioten drehen wir uns kurz vor dem Ziel im Kreis. Das Dorf ist um diese Uhrzeit natürlich ausgestorben, wir fragen einen Autofahrer der glücklicherweise vorbei fährt. Er spricht kaum Italienisch und seine Hinweise wirken irgendwie unglaubwürdig. Wir folgen ihnen trotzdem, und können es kaum glauben: beim hinweg sind wir doch nicht hier rausgekommen! Die Frustration hat ihren Höhepunkt erreicht. Ich bereue es, dass ich nicht auf dem Radweg gefahren bin, denn das Spiel ist nun aus, jedenfalls für mich. Ich habe mich schon damit abgefunden ohne den Stempel von Kortsch weiter zu fahren, als wir eine junge Frau bemerken, die ihren Hund ausführt. Walter will es noch ein letztes mal versuchen. Die Frau nimmt sich ein Herz, liest die Karte und gibt uns die selben Anweisungen wie der Mann im Auto, nur in einem deutlich verständlicherem Italienisch. Halleluja, wir können nicht aufhören ihr zu danken, tun das was sie gesagt hat und sind wieder auf dem richtigen Weg. Um 4 Uhr am Morgen wird unsere Kontrollkarte in Kortsch gestempelt. Um den Schrecken zu vergessen, stopfen wir uns mit Croissants und Cappuccino voll. Beim beleuchteten Kontrollpunkt, der durch die Radiomusik besonders fröhlich wirkt steht auch Ausilia. Wir sind ihr auf der Radtour schon öfters begegnet. Sie fährt alleine, hat aber keine Angst durch die Nacht zu fahren. Auch sie ist etwas müde, aber mit ihrem üblichen Elan startet sie kurz vor uns wieder los.

Den Radweg, den wir schon von der Hinfahrt kennen führt nun wieder durch endlose Apfelbaumreihen. In der Nacht läuft uns ab und zu eine Maus oder ein Hase über den Weg. Dann kommt die Morgendämmerung und mit ihr...eine bleierne Müdigkeit. Es war eigentlich geplant in Kortsch ein Nickerchen zu machen, aber so wie die Dinge gelaufen sind...Ich überzeuge Walter einen Halt einzusetzten, wickle mich in Aluminium und lege mich neben Walter ins Gras. Ich verliere das Zeitgefühl, aber als ich mich entschließe wieder aufzustehen ist der Himmel schon heller. Ich werde höchstens eine Viertelstunde "geschlafen" haben. Als wir wieder los fahren geht es uns besser. Später werden sich die Apfelbäume für ein anderes, wenn auch weniger romantisches körperliches Bedürfnis als nützlich erweisen.

Nun sind wir wieder auf der kurvenreichen Straße vor Forst. Ich möchte mit meinem Handy ein Bild von dieser eindrucksvollen Landschaft schießen als ich bemerke, dass sich die Batterie durch die Kälte der letzten Nacht entleert hat. Entlang der Straße sehen wir immer wieder Randonneurs, die sich auf Bänken oder Picknick-Tischen ausruhen. Dieser lustige Anblick wärmt mir das Herz. Ich denke an große Abenteuer wie die Randonnée von Paris-Brest-Paris oder das Brevet "Sicilia No Stop".

Wieder in Meran verlieren wir die Orientierung. Wie müssen noch einmal einen Passanten nach dem Weg fragen – eine schrullige Figur die nicht aufhört zu reden und uns wertvolle Zeit verlieren lässt. Die Sonne hat mittlerweile begonnen das Tal aufzuwärmen und wir können einige Kleidungsstücke, die uns in der Nacht geschützt haben ausziehen. Es ist 8 Uhr morgens und es herrscht bereits reger Verkehr in beiden Richtungen auf dem Radweg. Ab und zu begegnen wir einen der "Unseren", die leicht am weiß-grünen T-Shirt zu erkennen sind, sie haben wahrscheinlich am Reschen übernachtet. Es sind auch einige ortsansässige Randonneurs darunter, die den Weg kennen und uns mehr als einmal aus der Patsche helfen.

Der Kontrollpunkt von Pfatten (450 km) macht mir Sorgen. Wir müssen ihn um spätestens 12 Uhr erreichen, es ist noch genügend Zeit, aber die Müdigkeit und die Hitze – jene Sommerhitze die uns gestern erspart geblieben ist – machen sich bemerkbar. Um 10 Uhr machen wir in einer Radler-Raststätte halt, das Lokal ist eher voll, die Küche ist langsam und auf ein belegtes Brot warten zu müssen bedeutet kostbare Zeit zu verlieren und ich werde nervös. Dann kommt das Brot doch endlich und Walter hatte Zeit sich einen Moment länger auszuruhen. Noch 50 km Richtung Nomi.

Der Radweg nach Trient macht mich wahnsinnig: in Zick-zack-Linien führt von einem Etschufer zum anderen. Wie haben das Gefühl kostbare Zeit zu verlieren und im Vergleich zur angrenzenden Staatsstraße überflüssige Kilometer fahren zu müssen. Es ist als käme ich nicht vom Fleck und die pralle Sonne, die mir auf den Schädel scheint, macht es nicht besser. Aber beim Kilomerter 500, erreichen wir die Radler-Raststätte von Nomi an und kommen bei einer herrlichen, durstlöschenden Granita (ein sizilianisches Sorbet) mit anderen Radfahrern ins Plaudern. Sie nehemen nicht am Brevet teil, haben aber davon gehört und sind sehr beeindruckt von unserem "Unternehmen". Anscheinend rühmt sich auch unser weiß-grünes T-Shirt in dieser Gegend einiger Berühmtheit und das erfüllt mich natürlich mit Stolz.

Der Endspurt: in der Hitze bereiten wir uns auf die letzten hundert Kilometer inklusive Bergfahrt zum Brentonico. Wie füllen unsere Flaschen auf, tanken Mineralstoffe und halten immer ein Auge auf das Roadbook, um nicht vom (Rad)Weg abzukommen und die Abzweigung bei Mori zu verpassen. Wir starten los und es ist nicht einfach. Mehr als einmal verlieren wir Zeit, um nach dem Weg zu fragen ("Via Zigherane" wird in die Annalen eingehen: im Roadbook eingezeichnet, war es sogar den Einheimischen unbekannt.) Mit ein bisschen Gespür, der Etsch als Orientierungshilfe und Hilfe von außen und von anderen Randonneurs, die zum richtigen Zeitpunkt vorbei kamen und uns den Weg wiesen.

Bei Mori beginnt die Bergfahrt. Es herrscht eine Affenhitze. Die Straße ist nicht sonderlich steil, aber mein Zustand zwingt mich die Energien sparsam einzusetzen. Walter scheint es auch diesmal besser zu gehen, am Anfang holt spurtet er vor um dann zu verlangsamen und sich hinter mir wie ein Schatten einzureihen. Tja, der Schatten...bei einigen Kehren bieten die Bäume kurz Schatten, aber immer nur kurz – zu kurz. In meiner Vorstellung ist diese Bergstrecke fünf Kilometer lang und oben wartet eine Kontrolle auf uns, tatsächlich ist sie acht Kilometer lang und keine Spur von eine Kontrolle. Gemeinsam mit Grüppchen versammeln wir uns vor dem Trinkbrunnen im Park von Brentonico und erfrischen uns. "Wie lange ist es noch bis zum Ziel?", fragt jemand. Es fehlen noch ca. 80 km.

Die Talfahrt nach Chizzola ist fast zu steil. Mir tun sowieso schon alle Muskeln im Arm weh, es ist eine Qual die Bremse dauernd anziehen zu müssen. Meine Vorderarme sind zudem gefährlich gerötet und ich frage Walter, ob er mir die Armstulpen leiht: es ist warm, aber ich habe keine andere Möglichkeit wenn ich mit keinen gefährlichen Sonnenbrand holen will. Im Talboden fahren wir auf die Staatsstraße 22, ein eine stark befahrene Achterbahn die nach Verona, dem lang ersehnten Ziel unserer Radwanderung, führt. Bei Belluno-Veronese sagt das Roadbook, dass wir ins Dorf fahren sollen und dort auf den Radweg kommen werden. Wir fahren also nach Belluno-Veronese und suchen die Straßennamen, finden sie aber nicht. Panik. Es wäre vielleicht besser eine Eisdiele aufzusuchen, um uns die Gedanken zu erfrischen...wir sind dermaßen erschöpft, dass wir komplett darauf verzichten den Radweg zu finden...Kurz vor Verona suchen wir nach Hinweisschilder zur Sporthalle, mit der Hilfe von Ortsansässigen schaffen wir es die Stadt zu durchqueren und unseren Ausgangspunkt wieder zu finden. Auch Niccolò ist da, er ist gerade mit dem Zug angekommen. In der Nacht hat er die Teilstrecke von 300 km beim Reschen beendet: eine super Leistung! Beim Tisch der Veranstalter gebe ich zu, dass ich einige Schwierigkeiten hatte, das Roadbook zu interpretiern und ich mich nicht immer an die vorgegebene Strecke gehalten habe. Aber die 619 km, die von unserem Radcomputer registriert wurden und die vollständigen Stempel in unserem Kontrollbuch reichen als Beweis...es lebe das Brevet Verona-Reschen-Verona, aber jetzt ab unter die Dusche!

Ein Brevet ist aber erst abgeschlossen, sobald ich heil samt Rad und Gepäck über die Schwelle meiner Haustür trete. Während sich um mich alle gegenseitig feiern und wissen möchten wie es gelaufen ist, denke ich schon an die Heimfahrt. Ich muss noch mit dem Auto nach Turin, vier mal mache ich, wegen der Müdigkeit, an einer Autobahnraststätte halt. Um 5 Uhr am Morgen komme ich nach Hause. Ich bin glücklich und kanne es kaum erwarten mich ins Bett zu legen. Draussen beginnt schon wieder der neue Tag, der Sommer ist noch lang und Sizilien ist nicht weit.

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