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Ein Winter im Banne des „Volkes aus der Taiga“

Dezember 2004: Es schneit und die mit Schnee bedeckten Wälder und Bergspitzen der Dolomiten verbreiten eine feierliche Weihnachtsstimmung. Jenseits der in Weiß gehüllten Alpen häufen sich bereits seit einigen Wochen Meldungen über die Beobachtung von Seidenschwänzen und die ersten diesbezüglichen Rückmeldungen auch aus dem norditalienischen Gebiet deuten auf einen unvergesslichen Winter für Vogelliebhaber auch in unserer schönen Provinz südlich des Brenners hin. Nach einer erfolglos gebliebenen Suche nach Seidenschwänzen in der Nachbarsprovinz von Trient beschließe ich, die Suche in den vor Sonnenuntergang noch verbleibenden zwei Stunden in meiner Heimatprovinz Südtirol fortzusetzen, und begebe mich auf das mir vertraute Rittner Hochplateau. Die Uhr zeigt 16.37 und die den heutigen 29. Dezembertag beendende Abenddämmerung kündigt sich bereits an …Nachdem ich die Ortschaft Klobenstein am Ritten hinter mir gelassen habe, überprüfe ich die letzten Baumkronen in Mittelberg und lasse meinen Blick wie von Vorsehung geleitet in Richtung einer Hofstelle schwenken, wo zunächst zwei, dann fünf kleine Schatten auf einer Baumgruppe meine Aufmerksamkeit erregen…. Ich zücke das Fernglas: welch’ Genugtuung! Fünf Seidenschwänze!!! Doch kaum erblickt, setzen sich die Vögel schon in Bewegung. Während des Fluges hebt sich das Gelb am Ende der Schwanzfedern deutlich erkennbar gegen den dunklen Waldhintergrund ab, bis sich die Vogelgruppe schließlich, gekreuzt von einem gerade vorbeiziehenden Sperber, gegen den rosa Abendhimmel erhebt. Wie verzaubert folge ich den Vögeln mit dem Fernglas, bis sie schließlich im angrenzenden Nadelwald verschwinden. Kuusamo in Finnland? Nein, Provinz Bozen - der Südtiroler Fichtenwald als Taiga des Nordens! Das Gefühl ist unvergesslich, doch es sollte nur ein Vorgeschmack eines Naturerlebnisses, einer über die Wintermonate andauernden Zeit zusammen mit dem „Volk aus der Taiga“ und letztlich einer mehr als erinnerungswürdigen persönlichen Erfahrung sein. Nach Erkundung des gesamten Rittner Hochplateaus, zeigt sich die Ortschaft Klobenstein am Ritten sehr bald als das Gebiet mit der höchsten Anzahl an Seidenschwanz-Exemplaren.

An den nachfolgenden Tagen nimmt der trillernde Ruf der außergewöhnlichen Vögel zu und formt sich zu jener angenehmen unverwechselbaren akustischen Kulisse, die für einen längeren Zeitraum täglich vernehmbar sein wird. Die am 31. Dezember gezählte Anzahl von 60 Seidenschwänzen erhöht sich bis zum 1. Jänner 2005 auf das Doppelte. Die Vögel zeigen sich außerordentlich wanderfreudig, machen jedoch regelmäßig an Vogelbeerbäumen Halt, um sich kurz und nahezu „überfallsartig“ an den saftigen Beeren zu laben. Jeder einzelne Strauch wird systematisch seiner Beeren „beraubt“, bevor zum nächsten weiter gezogen wird. Jeden Tag gelingt es mir mehr und mehr, sei es zu Fuß, sei es hauptsächlich mit meinem Fahrzeug, den einzelnen Vogelgruppen Kilometer für Kilometer zu folgen, die von den Seidenschwänzen getätigten Flugrouten zu erkunden, ihre Gewohnheiten zu erkennen, die für die Vögel interessanten Nahrungsbäume, sprich beerenreichen Sträucher verschiedener Arten, zu lokalisieren und die von den Seidenschwänzen bevorzugten Rastplätze zu entdecken. Das von den Seidenschwänzen besuchte Gebiet erstreckt sich von den Gärten und Obstanlagen auf einer Meereshöhe von 900 m in Unterinn am Ritten hinauf bis zur von Bergkiefern geprägten Almlandschaft am Fuße der Schwarzseespitze auf 2050 m. Auf dem gesamten Rittner Hochplateau haben sich schätzungsweise über 300 Vertreter des „Volks der Taiga“ nieder gelassen; die höchste Anzahl an Exemplaren an einem Ort wird am 20. Jänner 2005 in Klobenstein gezählt, als sich drei Seidenschwanzgruppen kurzzeitig zu einem 274 Exemplare starken Schwarm vereinen.

Mittlerweile sind die Seidenschwänze auch bei den Rittner Einwohnern im Gespräch, die ihrerseits -teils wohl auch etwas befremdet- die friedliche Invasion ihrer Gemeinde seitens der Birdwatcher und Naturfotografen beobachten, die aus sämtlichen Regionen Italiens angereist kommen, um die Vögel mit den auffälligen roten Wachsplättchen an den Flügeln zu bewundern. Wer hätte dies gedacht? Nach dem Treffen der Birdwatchers im Alpinen Raum im Jahre 2003 handelt es sich um den ersten ornithologischen Massentourismus auf Südtiroler Gebiet. Inmitten der Rittner Wälder und Ortschaften, einem wahrlich malerischen landschaftlichen Umfeld, bringt jeder Tag neue Zusammentreffen von Seidenschwänzen und Naturliebhabern mit sich. Mittlerweile tummeln sich die gefiederten Gäste aus dem Norden bereits seit mehr als einem Monat am Ritten, machen durch ihre sirrenden Rufe auf sich aufmerksam und zeigen ihre bewundernswerte seidige Federpracht auch in ungehaltenen Flugmanövern, wenn sie sich zur Insektenjagd in der Luft hinreißen lassen…Die kaum länger an einem Ort verharrenden Seidenschwänze zwingen auch mich ständig in Bewegung zu bleiben, um nicht deren „Spur“ zu verlieren: von den dornigen Hagebuttensträuchern in den Gärten von Klobenstein nach Lengmoos, dann gleich wieder zurück und weiter nach Oberbozen, wo die seidigen „Haubenträger“ sich der nicht geernteten, am Boden liegenden oder noch auf den Bäumen hängenden kleinen und vor sich hin gammelnden Äpfel erfreuen. Die sich auf den umliegenden silbernen Nadelbäumen sammelnden Vögel erscheinen auf diesen selbst wie Weihnachtsschmuck, lassen sich ab und zu auf den schneebedeckten Dächern nieder, um mit Schnee ihren Durst zu stillen, begeben sich aber auch ab und zu in Gruppen in das Bett eines kleinen Bächleins, um dort an den wenigen noch offenen Wasserstellen zu trinken.

Ein Teil der Vögel pickt währenddessen an den Rinden der Bäume oder versucht die aus Baumstrünken austretende Flüssigkeit aufzunehmen, stets bereit, in nahezu einem einzigen Augenblick mit den anderen Artgenossen aufzufliegen, sich in der Luft zu einem synchron agierenden Schwarm zu formieren, um kurz darauf zurückzukehren und sich ohne jegliche Furcht erneut und in unmittelbarerer Nähe zu den begeisterten Beobachtern wieder nieder zu lassen. Den sich innerhalb des dichten Nadelwalds einige Kilometer bergwärts von Klobenstein befindlichen Ort der Nachtruhe vermag ich nicht genau zu ermitteln. Er bleibt eines der Geheimnisse, wie letztlich auch die genauen Ursachen und Gründe für die periodischen Invasionen der Seidenschwänze in das südlichere Europa. Führen einige Fachleute die Wanderungen auf eine überdurchschnittliche Bestandszunahme der Vogelart als Folge fruchtbarer Fortpflanzungsjahre bzw. auf den Mangel an Nahrungsangebot im Norden zurück, können möglicherweise durchaus auch andere, heute wissenschaftlich noch nicht ergründete Faktoren für das Invasionsverhalten ausschlaggebend sein. Die Anwesenheit der nordischen „Kobolde“ in unserem Breitenkreis zieht sich bis zu den Anfängen des Frühjahrs hin, solange, bis bei den Wintergästen der innere Drang überwiegt, in den Norden zurückzukehren. Mitte März scheint es, dass alle Seidenschwänze Richtung Norden aufgebrochen seien, und ich unterbreche die täglichen Beobachtungsrunden auf dem Ritten. Während eines Ausflugs im April entdecke ich jedoch erneut eine Seidenschwanzgruppe von über hundert Exemplaren, die sich in einer nahe gelegenen und von Efeu durchwucherten Zone niedergelassen hat. Am 6. Mai beobachte ich dort noch 15 Exemplare, die höchstwahrscheinlich nun wirklich die Letzten sein dürften. Mit diesem Bild endet für mich die Geschichte der Seidenschwänze am Ritten, und damit eines mich mehrere Monate fesselnden und persönlich sehr beeindruckenden Naturereignisses. Es scheint mir wie ein Abschied von lieb gewonnenen Freunden. Der nunmehr ob des Abschieds aufkommenden Melancholie steht die Gewissheit entgegen, dass uns die Seidenschwänze in einigen Jahren wahrscheinlich wieder besuchen werden. Es ist schön, sich zurückzuerinnern an die wunderschönen Eindrücke und Erlebnisse und die Stunden, die ich mit dem „Volk der Taiga“ am Ritten verbracht habe. Nunmehr beginnt aber auch für mich die Urlaubszeit, in der ich üblicherweise den skandinavischen Norden aufsuche, jene Gegend, wohin die Seidenschwänze wohl entschwunden sind….


Texte und Bilder: Azzolini Maurizio

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